Assistant Project Manager
Im nächsten Monat bin ich so etwas wie der ausführende Produzent einer so genannten "Kinder-Universität". Es handelt sich dabei um eine Marketing-Aktion, bei der potentielle spätere Studenten (die jetzt noch Mittelschüler sind, aber Deutsch an der Schule lernen) für den Studienstandort Deutschland begeistert werden sollen. Zwei Referenten habe ich schon an Land gezogen. 7.000 Teuro soll ich ausgeben. Das wird schwer, denn ich darf leider nichts in schwarze Kassen abzweigen. Da ich ja noch was anderes zu tun habe, als mich um den ganzen Vorbereitungszirkus zu kümmern, habe ich - der Mensch denkt, Gott lenkt - die Stelle eines "Assistant Project Manager" an Benno vergeben, der in Nanjing zur Schule gegangen ist, aber in Schanghai studiert hat, mich regelmäßig in der Bibliothek aufsucht und glücklicherweise für sein Studium in Tübingen ein Praktikum benötigt. Heute kann ich ihm also all die lästigen Aufgaben wie T-Shirts-drucken-Lassen oder Mützen-drucken-Lassen ans Bein binden. Und er freut sich auch noch darüber. Gestern habe ich Benno formell engagiert und einen Vertrag mit Dienstsiegel und allem Schnickschnack ausgestellt, woraufhin Benno nach einigem Drucksen mit der drängenden Frage herausrückte, ob er denn nun bei diesem Projekt auch wirklich an bedeutender Stelle mitwirke. "Auf jeden Fall", versichere ich Benno. Über ihm gebe es nur noch zwei Etagen, mich und Herrn Hase-B. in Peking.
Heute verabreden wir uns an der Haltestelle von Bus Nr. 11 und Benno begleitet mich an seine ehemalige Schule, wo ich mit zwei Deutschlehrerinnen (die ältere unter ihnen ist seine ehemalige Lehrerin) das Unterfangen bespreche, Teilnehmer für die Kinder-Uni rekrutiere und das Projekt noch einmal ausführlich vorstelle. Wir sitzen in einem leeren Klassenraum, aber - pst! - die Klasse nebenan schreibt gerade einen Test.

Lesung im letzten Jahr: Lu Min und Svealena Kutschke
Es sind über dreißig Grad bei ca. 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Eigentlich habe ich wenig Lust, mich nachmittags zur Nanjinger Pädagogischen Hochschule zu begeben, wo eine Lesung mit den chinesischen Autoren Lu Min, Han Dong und Ye Zhaoyan stattfindet sowie mit dem deutschen Gast-Autor Kai Weyand. Meine Chefin, die Leiterin des Instituts für deutsche Philologie, moderiert. Das Oberthema, von meiner Chefin nach der Lektüre eines SZ-Kommentars zum Thema Guttenberg ausgewählt, lautet "Leistung", aber wie immer ist das den Dichtern aufs Auge gedrückt worden und sie lesen Texte, die nur für denjenigen etwas mit dem Thema zu tun haben, der genug Fantasie hat, um selbst Romane zu schreiben. Ich komme viel zu spät, weil ich das Gebäude Sui Yan Shu Fang (Studio für Buchdesign), in dem die Sitze aus zusammengeleimten Pappflächen bestehen, nicht ohne ortskundige Hilfe finden kann. Zum Glück ist neben Lijie, Absolventin unseres Fachbereichs vor einem Jahr, noch Platz. Schließlich fällt aus Zeitgründen auch noch die deutsche Übersetzung aus; zum Glück habe ich den "Spiegel" für solche Fälle immer dabei. Beim anschließenden Essen sitze ich neben Han Dong, der leider arg am Glimmstängel hängt und mir zwischen den Fluppen ein paar Eindrücke aus seinem Stipendiumsaufenthalt in Göttingen schildert. Wie alle Dichter hier gehört er zu den Geförderten des Künstleraustauschprogramms des Goethe-Instituts "Künstler in Residenz" in Partnerschaft mit den Universitäten Nanjing und Göttingen. Ich frage ihn, ob er die mit mir gut bekannte Danyu kenne. Ja, sagt er, was mache die denn eigentlich. Ist in Chicago, sage ich, studiert Theologie, aber sie verkracht sich ständig mit der Uni-Leitung. Auch Lu Min schüttle ich kurz die Hand. Immerhin hat sie mich vor zwei Jahren zum "Pfingstrosen"-Ballett eingeladen. Das verschweige ich Kai natürlich, der Lu Min sehr bemerkenswert findet. Unserer klügsten Studentin Yinyin haben allerdings die männlichen Autoren besser gefallen.