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Abflug ins neue Jahr
Am Vormittag nehme ich mit einem letzten ausgedehnten Ausflug ins Meer Abschied vom Strandurlaub. Zum Glück kommt gegen Mittag an diesem eher bewölkten Tag noch die Sonne raus. Mein Plan, im Pizza-Hut essen zu gehen, löst sich in der Schlange auf, die ich mal wieder vor dem Import-Restaurant sehe. Ich lasse mir stattdessen in einem Straßenrestaurant direkt vor der Herberge zum blauen Himmel, die mich großzügig bis 13.20 Uhr im Zimmer wohnen ließ, gebratene Jiaozi servieren. Neben mir ein großer Tisch mit lauter jungen Deutschen. Die Russen gehen ja nur in Edelschuppen. Mit Buslinie 8 geht es flugs zum Flughafen (Preisdifferenz zum Taxi: 55 Yuan). Dort erfahre ich, dass mein Flugzeug eine Stunde später abfliegen wird. Ich lege mich noch mal für eine Stunde mit dem Mankell-Roman "Tea-Bag" auf den Rasen hinter dem Parkplatz. Die letzten Sonnenstrahlen dieses Urlaubs sehe ich schließlich durchs Fenster der Boeing: Hinter einer endlosen Nordpollandschaft (die eigentlich eine Wolkenlandschaft ist) taucht die untergehende Sonne den Horizont in ein intensives Gelbrot.
Dinner for One
Es ist zwar nicht mein erster Jahreswechsel am Strand, aber der erste an einem, den ich tagsüber noch als Badestrand nutzen konnte. Gegen fünf endete der Versuch, den Abend auf dem kleinen Hügel mit dem berühmten Luhuitou-Standbild ausklingen zu lassen, in einer Sackgasse am Hang. Da die Sonne nur noch eine Stunde zu sehen sein würde, bin ich in einer gerade erst an dieser Stelle eröffneten Filiale meines Sanyaer Stammrestaurants "Do and me" gestrandet. Anders als bei den Ablegern in der Innenstadt war ich hier der einzige Gast - "Dinner for One" einmal anders. Lediglich die Mitarbeiter leisteten mir gegen halb sechs im oberen Stockwerk Gesellschaft. Die müssen ja auch mal essen.
Ich vertreibe mir den Silvesterabend mit einer DVD von "American Graffiti" und breche kurz vor Mitternacht zum Strand auf. Dort sitze ich auf einem leeren Raketenkarton und ahne nichts Böses, als plötzlich neben mir der Krieg ausbricht. So hört es sich zumindest an, als die Russen die ersten Feuerwerke zünden. Da chinesische Sicherheitsstandards nicht so ganz mit deutschen übereinstimmen, gehe ich mal schnell aus der Schusslinie der Stalinorgel, aus der mit lautem Krachen Richtung Strand gefeuert wird. Kaum wähne ich mich auf einer Liege in Sicherheit, da werde ich von einem angeschäkerten Russenpärchen gesetzteren Alters mal wieder für einen Russen gehalten. Es soll wohl "Prosit Neujahr" heißen, was die Dame mir entgegengluckst. Ich erkläre mit Mühe, dass ich kein Russisch verstehe, daher auch nicht antworten könne. Ich verlasse die beiden umgehend. Am Strand haben zwei überdurchschnittlich schöne Chinesinnen überdurchschnittlich gewaltigen Stress. Die eine rennt der anderen hinterher, die sich mit Schmollmund und Riesenschritten am Meer entlang bewegt. Ich wandere nun selbst eine Weile am Strand entlang, immer wieder gibt es Feuerwerke. Ein Glück, dass so viele Russen hier sind. Die Chinesen feiern diesen Tag ja nicht groß. Aus einer Gruppe Soldaten, die in Uniform im Sand sitzen, blendet mich einer mit einer grellen Taschenlampe. Zum Schluss schaue ich noch kurz bei den beiden Russen-Partys mit Live-Musik vorbei, die auf und hinter der Promenade auch weit nach Mitternacht noch für ohrenbetäubenden Lärm sorgen. Ein russischer Engel mit weißen Flügeln hat sich gerade über das Mitternachtsbuffet hergemacht. Die Chinesen haben sichtlich Mühe, an diesem Tag ihre notorische Neigung zum frühen Ladenschluss durchzusetzen.
Heiter bis wolkig, tropffrei und sauber
Das Wetter ist ja hier in Sanya immer gleich: heiter bis wolkig, mal mehr wolkig, mal mehr sonnig. Heute ist es eher wolkig, deswegen schaffe ich es nicht ins Meer und flaniere stattdessen am Sanya-Fluss entlang. Beim Essen bei "Kentucky Fried Chicken" vermeine ich bei einem Blick aus dem Fenster des ersten Stocks auf den Platz vor dem Restaurant meinen blauen Reisegefährten mit seinem Freund zu entdecken. Ehe ich mich vergewissern kann, gehen die beiden Männer weiter. Ich wandere auf die andere Seite des Flusses. Aber natürlich ist ausgerechnet der Tag, an dem ich mich auf eine Bank am Flussufer setzen will, Maltag: Überall stinkt es nach frischer Farbe, dass man Kopfschmerzen bekommt. Interessant immerhin, wie die Malerkolonne arbeitet: Statt eines Pinsels werden Handschuhe in die weiße Farbe getaucht und dann streicht die ganze Hand über die weißen Stangen des Geländers. Tropffrei und sauber. Da ist in Deutschland meines Wissens auch noch keiner drauf gekommen.
Trikolore
Gegen halb fünf hole ich die Tüte mit den Mandarinen und Bananen in der Seilbahnstation wieder ab, die man mir beim Betreten des Parks abgenommen hat, obwohl ich den Affen bestimmt nichts davon abgegeben hätte. In der Seilbahn sitzen mir diesmal eine Oma und ein junger Mann gegenüber. Ich erinnere mich noch, dass ich vor zwei Jahren aus Xincun ganz gut weggekommen bin, nun aber wird meine Rückreise nach Sanya zum eigentlichen Abenteuer dieser Reise.
Phase 1: Mit einer Motor-Rikscha lasse ich mich zu der Kreuzung bringen, die auf der Strecke Lingshui-Sanya liegt. Vor einem kleinen Kiosk stehen schon andere Fahrgäste herum wie bestellt und nicht abgeholt.
Phase 2: Ein total überfüllter Klapperbus hält. Ich bin ganz stolz, dass ich die Aufschrift "Sanya" als chinesisches Schriftzeichen entziffert habe und quetsche mich in den voll beladenen Bus. Allerdings bin ich etwas verblüfft: Nur 4 Yuan knöpft die resolute Schaffnerin mir ab. Die Hinreise kostete mehr als viermal so viel.
Phase 3: An einer Kreuzung in einem mir völlig unbekannten Kaff lädt uns die resolute Schaffnerin aus. "Kommt schon noch ein Bus nach Sanya", erklärt sie einsilbig. Gemeinsam mit einigen anderen Versprengten stehe ich schon wieder in der Gegend herum wie Falschgeld. Langsam geht die Sonne unter. Ein dicker Motorradfahrer mit Doppel-Sitzfläche in seinem Beiwagen steht schon etwa zehn Minuten vor uns herum. Der Mann, der entfernt an den Henker aus dem Rick-Master-Abenteuer "Das Geheimnis des Henkers" erinnert, diskutiert schon seit zehn Minuten mit demjenigen meiner Reisegefährten, der ein knallblaues Hemd trägt und offenbar über das am meisten begrenzte Kontingent an Geduld verfügt. Da komme ja nun kein Bus mehr, erklärt der Henker uns. Die kräftige Frau neben mir zeigt sich unbeeindruckt. Am Ende jedoch hat der Henker den Blauen weich gekocht, dann kocht der Blaue den Fahrgast in der roten Jacke und schließlich mich im weißen Hemd weich. "Zehn Yuan für jeden von uns" hat er ausgehandelt, das gilt aber nur, wenn wir alle drei mitmachen. "Das wird aber kalt", wende ich zunächst ein. "Ach was", meint er und deutet auf das rote Schutzblech, hinter dem ich Platz nehme. Die Kiste knattert los. Der Rote sitzt hinter dem Henker, ich links von ihm und rechts neben mir der Blaue. Gemeinsam bilden wir so eine Art Trikolore. Jedenfalls flattern unsere Hemden wie die französische Nationalflagge, während wir auf der holprigen Nebenstrecke dem Auf und Ab des Rhythmus, bei dem man immer mit muss, folgen. Natürlich ist mir in meiner kurzen Hose doch ganz schön kalt im Fahrtwind, da nützt es auch nichts, dass laut Wetterbericht das Thermometer heute nicht unter 18 Grad fällt. Aber ich bin stolz auf mich, dass ich heute morgen meiner inneren Stimme gefolgt bin und ein zweites Hemd mitgenommen habe. Trotzdem bin ich geschockt, als auf einem Schild steht: "Sanya 45 km". Xincun ist doch kaum mehr als fünfzig Kilometer von Sanya entfernt. Das kann ja noch eine lange Tortur werden!
Im nächsten Kaff hält der Henker an und deutet auf einen leeren Minibus, der offenbar nach Sanya fährt. Ich reiche ihm die vereinbarten zehn Yuan, aber der Vergleich mit dem Bösewicht aus Rick Master wäre ja nur halb so passend, wenn der Henker nicht eine krumme Tour versuchen und mal eben das Dreifache von mir verlangen würde. Ich lasse ihn mit den Worten abblitzen, zehn seien vereinbart gewesen, und würdige ihn keines Blickes mehr. Ich bin froh, dem Fahrtwind des Henkers entronnen zu sein. Die Dämmerung ist hereingebrochen und das wäre auf dem Motorradbeiwagen doch noch ganz schön kühl geworden für mich!
Phase 4: Der Mini-Bus setzt sich nach weiteren zehn bis fünfzehn Minuten des Wartens tatsächlich in Bewegung, hält aber so oft, dass wir eine Stunde bis Sanya brauchen. An einer mir völlig unbekannten Einmündung verabschiedet sich mein Reisegefährte in Blau, der übrigens, wie ich unterwegs erfahren habe, ein LKW-Fahrer ist, der Fisch zwischen hier und der Provinz Guangdong hin- und herkutschiert. Zwei Tage Entspannung zwischen den Touren ermöglichen es ihm, in Sanya einen Freund zu treffen, der als Wanderarbeiter in der Baubranche beschäftigt ist und, wenn ich richtig verstanden habe, bei einer Firma für Renovierungen arbeitet. An einer Busstation werden kurz darauf alle verbliebenen Fahrgäste aus dem Bus geworfen. "Ich muss aber zum Busbahnhof", erkläre ich. Denn wie soll ich mich sonst zurechtfinden? Keine Sorge, heißt es, es gehe gleich weiter. Es handelt sich nur um eine Art Betriebs- oder Pinkelpause. Nach weiteren endlos wirkenden Minuten durch die bereits nächtliche Stadt erreicht der Bus den Busbahnhof, die Endstation, und ich kann mich endlich wieder orientieren. Nachts sind bekanntlich alle Straßen grau. Bei meiner Lieblingsrestaurantkette "Do and Me" werde ich mich jetzt erst mal stärken.
Rückkehr zur Insel der Affen
Manche Geschichten haben ein spätes Ende: Heute, am dritten Tag meines Weihnachtsurlaubs, beende ich, was ich vor knapp zwei Jahren nicht vollenden konnte (sin-o-meter-Bericht hier): meinen Besuch auf der Affeninsel Houzi Dao vor Xincun. Die Anreise über Lingshui erfolgt, nachdem ein Mitreisender aufgepasst hat, dass ich hier in den richtigen Bus steige, in einem Klapperbus, bei dem ich, obwohl die Fahrt jetzt vier statt drei Yuan kostet, jederzeit befürchte, die Fenster könnten herausfallen, so laut scheppern sie auf der unebenen Piste. In Xincun, wo eine nagelneue Uferpromenade sich vor der schmalen Durchfahrt zur Affeninsel-Bucht erhebt, wo man vor zwei Jahren im Unrat herumwühlen konnte, besteige ich die Seilbahnkabine (der Preis für die Seilbahn ist in den sagenhaften 163 Yuan für den Park inbegriffen) und schwebe mit Blick auf die Bucht mit den endlosen Reihen von Fischer(haus)booten auf die Nanwan-Affeninsel.
Hier ein Auszug aus den "Hinweisen für Touristen":
- Bitte kein Essen zum Affenfüttern mitbringen. Falls Sie doch Essen mitbringen, bewahren Sie es sicher in Ihren Taschen auf.
- Fütterverhalten sollte nach den Anweisungen des Personals erfolgen.
- Affen beim Füttern nicht anfassen.
- Affen nicht ärgern oder reizen, um Affenangriffe zu vermeiden.
Es erwartet mich ein piekfeiner Park, in dem die meisten der domestizierten Rhesusaffen frei herumturnen, sich die Läuse aus dem Fell sammeln oder herumdösen. Die anderen sind zu Zirkusstars geworden. In zwei zehnminütigen Vorstellungen bekommt man einiges geboten für sein Eintrittsgeld: radfahrende Affen, Affen, die ihrem Dompteur mit dem Knüppel drohen, ihm den Hut vom Kopf hauen, zu zweit auf einem weißen Pony reiten oder Handstand auf den Hörnern eines Ziegenbocks machen, der selbst mit seinen vier Hufen gerade über ein zehn Zentimeter dickes Brett zu balancieren hatte und nun auf einer Art Untertasse auf besagtem Brett steht. Selbst die Aras machen am Rand der Bühne Faxen vor Begeisterung und krächzen fröhlich herum. Andere Affen sitzen im Gefängnis, dem so genannten "Monkey Jail". Wahrscheinlich haben sie sich nicht gut benommen und wie zum Erweise dessen reißt einer einem der Gäste mit einer blitzschnellen Bewegung durch den Maschendrahtzaun hindurch einen roten Umschlag aus der Hand, mit dem dieser vor dem Zaun herumwedelte. Nun bedecken rote Fetzen den Boden des Affengefängnisses. Tja, damit dürfte es mit der Entlassung auf Bewährung wohl Essig sein.
Nichts dazugelernt
Nachmittags Prüfung, abends im Flieger in die Sonne: Ich habe spontan beschlossen einen kleinen Ausflug auf die Tropeninsel Hainan zu machen, so etwas wie Chinas Gran Canaria. Erstmals musste ich dafür von einem ATM-Automaten aus eine Überweisung tätigen, was mich einiges an Nerven gekostet hat, aber da es sich um das letzte Zimmer in der Herberge zum blauen Himmel, in der ich schon vor zwei Jahren zu Gast war, hendelte, ließ die Rezeption nicht locker und traktierte mich mit SMS, bis ich die 500 Yuan Anzahlung brav überwiesen hatte.
Das dank des günstigen Flugs (umgerechnet vierhundert Mark) gesparte Geld ist gleich aufgebraucht, da ich weder in Nanjing noch am Zielort Sanya, wo ich nach einem schweißtreibenden Flug (ich im Unterhemd auf dem Sitz der Sichuan-Airlines) um zwei Uhr morgens eintreffe, einen kostengünstigen Bus erwische und also auf die verhassten Taxis angewiesen bin. Eine halbe Stunde habe ich in Nanjing am Zhonghuamen auf Zeit gespielt, ehe ich die Summe für eine Einzelfahrt zum Flughafen hinblättern musste. Und die Strecke, auf der mich der Sanya-Taxifuzzi zum Donghai-Küstenabschnitt transportiert, kommt mir so lang vor, dass ich kaum glauben kann, dass das der direkte Weg war.
Und heute nun, am ersten Strandtag, lerne ich, dass ich nichts dazugelernt habe. Wie damals im Februar 2011 (ein paar Insel-Impressionen sind hier zu sehen) verletze ich mich gleich beim ersten Ausflug ins Meer an einem von scharfkantigen Muschelresten bewachsenen Bojenseil.
Wie die Jungfrau...
Wie die Jungfrau zum Kind - und das passt ja irgendwie zu Weihnachten -, so bin ich an Konzertkarten für eine Darbietung mit regionalen Spitzensopranistinnen der hiesigen Musikhochschule gelangt. Meine Chefin hat sie besorgt. Ich treffe Michael Roes (siehe letzter Eintrag), in ein Mittelding zwischen Armee- und Trekking-Anzug gehüllt, und den ebenfalls des Deutschen mächtigen Professor Wu, der für irgendwelche internationalen Kulturprojekte zuständig ist, am Südportal der Uni und muss - großes Zähneknirschen - in ein Taxi steigen, das ich aber wenigstens nicht bezahlen muss. Das übernimmt Professor Wu. Vor dem Konzertsaal treffen wir meinen jungen Kollegen Li mit seiner Mutter.
Vorne gibt die chinesische Ausgabe von Bianca Castafiore alles (inklusive Kleider- und Frisurwechsel in der Mitte des Konzerts). Ich sitze ziemlich weit vorne neben MIchael, der mir, obwohl ich den Autor von 18 Romanen gerade gefragt habe, ob sein neuestes Werk sein Debüt sei, im Taxi das Du angeboten hat. (Sind wir nicht alle Künstler irgendwie?) Ich ärgere mich mit ihm über die brabbelnden Blumenmädchen hinter uns und staune mit ihm über die nicht enden wollenden Fluten üppigster Blumensträuße, die die Sopranistinnen, also Maestra Castafiore mit ihren Schülerinnen, am Ende der hoch tönenden Veranstaltung (und auch schon davor) von eifrigen Anhängerinnen überreicht bekommen. "Da werden Erinnerungen an die Hitparade wach!", raune ich Michael zu, der die ganze Zeit grinsen muss. Am Ende häufen sich so viele Blumen um die Maestra herum an, dass man die Musikinstrumente des gesamten Orchesters mit ihnen aufwiegen könnte.
Als der Professor und Michael sich anschicken in der Kälte am Straßenrand ein Taxi heranzuwinken, melde ich mich mal kurz und schmerzlos ab: "Ich geh zu Fuß." Ich habe keine Lust, die Hintergründe meiner Taxiphobie zu erklären. "Zu weit!", meint der Professor. "Ach", erwidere ich, "in einer Stunde bin ich bestimmt zu Hause." Es werden dann aber doch nur 45 Minuten. Ich stoße unterwegs auf Bus Nr. 6.
"Nero! Du willst, dass ich mich umbringe?"
Im Vorfeld gab es bereits Irritationen: Die Studenten des dritten Studienjahrs, die alljährlich die Organisation der Weihnachtsfeier gemeinsam mit der deutschen Lehrkraft zu stemmen haben, fühlten sich von mir nicht ernst genommen, als ich auf ihre allzu vorsichtig und verhalten vorgetragene E-Mail-Anfrage nach dem Glühweinkochen - traditionell in meiner Küche - mit einem Rezept antwortete. Jedenfalls musste sich telefonisch Chefin Yin einschalten, um zu klären, dass ich sowohl die Küche als auch weitere Beiträge wie etwa den Moderationstext willig bereit zu stellen durchaus disponiert bin. Direkt nach dem Unterricht fahren die vier Studenten vom Kochkommando mit mir gemeinsam per U-Bahn zu meiner Wohnung. Aber ehe wir dort ankommen, lade ich erst mal zünftig zum Pizzaessen ins Babela's. Danach holen wir den Wein aus dem Lehrerzimmer. Changting aus dem Jahrgang 08 versorgt uns unterwegs mit Kannen, einen Kochtopf hat Profesorin Kong hinterlassen. So kann der Wein in meiner Küche zum Glühen gebracht werden. Vorher muss ich jedoch meinen Heizkörper zum Glühen bringen, denn in den Wintermonaten schalte ich in der Küche Heizung und Kühlschrank aus und öffne das Fenster. Man nennt das auch einen begehbaren Kühlschrank. Das Kochkommando besteht aus Wenbin, Lanting (die beide vor ein paar Wochen überraschend im GoDi von St. Paul's aufgetaucht sind), Xuwen und Yuqiu. Während sie in der Küche den Wein auf Temperatur bringen, versuche ich im Wohnzimmer Diktate zu korrigieren. Zwischendurch probe ich mit Wenbin, der Klassenprima, die Moderation.
Natürlich geht wieder was schief: Bei meiner Kraftpunkt-Präsentation, so heißt ein computerbasiertes Diaschau-Programm, ist plötzlich die entscheidende letzte Seite futsch, auf der ich anhand von "O du fröhliche" Grundwahrheiten des Evangeliums von Jesus Christus darzulegen versuche. Da muss bei der Konvertierung was schief gelaufen sein. Der Teufel steckt im Detail. Während Eva (siehe Eintrag gestern) mir auf die Schulter tippt und energisch die Worte spricht: "Wir wollen draußen noch mal das Lied üben!", muss ich den Text schnell aus dem Gedächtnis noch einmal schreiben. Und dann bin ich auch schon draußen vor der Tür, wo sich der Chor zur Generalprobe versammelt hat.
Bei der Begrüßung erwähne ich lobend unsere Ehrengäste Kinder-Uni-Professor Wünnemann, Romancier Michael Roes sowie Dichter und Dramatiker Thorsten Becker (zu ihm gleich mehr), der mich zehn Minuten vor Beginn dringlich um einen Stuhl für seinen Auftritt gebeten, sich selbigen dann aber doch lieber selbst besorgt hat.
Beim Dia-Vortrag kann ich froh sein, dass ich ein Mikrofon in der Hand habe, um das große Gebrabbel halbwegs zu übertönen. "O du fröhliche" tönt dann auch unerwartet gut. Ich dirigiere mit der Hand wie die selige Frau Marsch dereinst uns Grundschulkinder und fühle mich wie der große Zampano dabei.
Höhepunkt des Abends wird dann aber der Auftritt von Thorsten Becker, der früher mit Heiner Müller befreundet war und auf der Grundlage seines eigenen Prosawerks Agrippina - Senecas Trostschrift für den Muttermörder Nero eine Kostprobe seines verblüffenden darstellerischen Vermögens abliefert, indem er als von Nero zum Selbstmord genötigter Seneca - gespielt im blauen Bademantel und in Badelatschen - sogar das notorisch unruhige Publikum zum Schweigen und Staunen bringt: "Nero!", hallt es durch den Saal. "Du willst, dass ich mich umbringe?"
Etwas in Senecas Schatten steht die ungewöhnliche Interpretation von Shakespeares "Sommernachtstraum" durch die 10-Studenten, vor allem die Schauspieler ohne Mikrofon gehen im Crescendo der Brabbelgespräche unter. Während Wenbin sich meist gar nicht auf die Bühne traut und lieber von der Seite ins Mikro spricht, sonne ich mich mal wieder mit Vergnügen im Rampenlicht, obwohl ich nie genau weiß, wann ich dran bin. Einmal muss mich Wenbin sogar aus einem Gespräch herausreißen. 122 Mal muss ich abschließend eine Zahl nennen, damit der jeweilige Zahleninhaber nach vorne kommen und aus der Hand von Weihnachtsmann Feixiang sein Wichtel- alias Julklapp-Geschenk (Ankündigung in der Einladung: "Es wird gewichtet!") in Empfang nehmen kann. Ein Verwirrter, so nennt ihn Professorin Chen, sorgt unter den Gästen für etwas Verwirrung. Er begrüßt ständig wildfremde Leute und sortiert noch Akten auf einem der VIP-Tische, als schon längst alles abgebaut und der Saal gefegt ist. Kollege Li glaubt sogar, meinen tragbaren Computer vor ihm in Sicherheit bringen zu müssen.
Yin will mit dem immer noch lebenden Senaca alias Becker einen trinken gehen. "Trinken?", rufe ich entsetzt. "Na, Tee trinken, Mensch!", erwidert sie. Aber ich kann trotzdem nicht mit, denn wie im Vorjahr öffne ich im Anschluss an die Veranstaltung für Xiaoshi, die jetzt Lehrerin an einer Mittelschule ist, meine Bibliothek; ihre 06-Jahrgangsgenossin Liu Min und Hao Hui ("Inge"), die jetzt Jura studieren, schließen sich an. Xiaoshi und Liu Min machen noch eine Stippvisite in meiner Wohnung, wo ich die zwei versprochenen Deutschland-Landkarten des Akademischen Austauschdienstes nach einigem unkoordiniertem Suchen endlich doch noch aufstöbere und sie ihnen freudig aushändige. Zu Weihnachten gehören nun mal Geschenke.
O du fröhliche...
Nun werde ich auch noch zum Chorleiter, zumindest vorübergehend. Da ich mir in den Kopf gesetzt habe, wie jedes Jahr Grundwahrheiten der Bibel an den Anfang der morgigen Deutsch-Weihnachtfeier meiner Uni zu stellen, die ich nun sogar moderieren darf, und dafür als Aufhänger das beliebte Weihnachtslied "O du fröhliche" gewählt habe, benötige ich jetzt natürlich auch einen Chor, der das Lied singt. Auf meine Anregung hat Ex-Studentin Eva, die jetzt im Goethe-Sprachlehrzentrum als Deutsch-Lehrerin beschäftigt ist, eine Spontan-Truppe bestehend aus ihr selbst und acht zumeist weiblichen Schülern ihres Kurses aus dem Boden gestampft und da der Goethe-Chor gerade etwas führerlos ist und Eva auch keine große Sopranistin vor dem Herrn, muss ich ran und gebe in einem Unterrichtsraum des Goethe-Lernzentrums an der Shanghai Lu den Takt vor. Gestern war die erste, heute Abend die zweite Probe. Gut, dass wenigstens ich immer den rechten Ton treffe.
Am Mittag traf ich mich heute mit Michael, dem Engländer (sin-o-meter berichtete), der gerade eine Herzschrittmacher-OP ("Eigentlich war mein Herz o.k. Ich glaube, ich brauchte die gar nicht!") und seine dritte Scheidung hinter sich hat ("Meine Frau war ja nie da, außerdem ist sie psychisch krank!"). Seine Jahresbilanz: "terrible". Jetzt will er im Sommer seine Ex-Frau (Nummer zwei) zum zweiten Mal heiraten, ebenfalls bedeutend jünger als er, denn erstens braucht er ein Visum als Ehemann einer Chinesin und zweitens habe sie, berichtet er, seine Herzschrittmacher-OP im August bezahlt. Er stehe also bei ihr und ihrer Familie in der Pflicht. Außerdem habe er sich sowieso nie von ihr trennen wollen. Eher beiläufig erwähnt der Zweiundsiebzigjährige, dessen Tochter ihn bei ihrer Trauung in England nicht dabei haben will, weil er dereinst seine erste (englische) Frau verließ, dass er schon kurz nach der Eheschließung seine dritte Frau mit seiner zweiten Frau betrogen hat. Das sei natürlich nicht sehr korrekt gewesen. Eigentlich war das - ich habe ja auch schon mal mit seiner dritten Frau geredet - auch der Grund für ihre dauernde Abwesenheit von der ehelichen Wohnung, die Michael in Kürze aufgeben wird. Und als sich dann beide im August an seinem Krankenbett begegnet seien - ein Eifersuchtsdrama ersten Ranges! "O du fröhliche..."
Christmas Benefit Concert
Am Vorabend des 3. Advents habe ich mich mit Huilin, dem Mädchen auf der Bank (sin-o-meter berichtete), zu einem Benefiz-Weihnachtskonzert der internationalen Schule (wo auch Karls Kinder während ihrer Nanjing-Ära unterrichtet wurden) verabredet. Die zehn Mark Eintritt kommen u.a. armen Kindern in Kambodscha zugute. Im Foyer, wo wir zwischen so vielen Eltern wie Falschgeld herumstehen, gibt es Kuchen und Pizza-Stückchen. Huilin ist einigermaßen überrascht: Kaum Chinesen sind in der Menge, die auf Einlass wartet, auszumachen. Überall wird Englisch gesprochen, vereinzelt Deutsch.
Der Theatersaal ist beeindruckend: aufsteigende Sitzreihen in einer hohen Halle mit guter Akustik. Es riecht nach gerade fertig geworden. Die musikalischen Darbietungen umfassen alles, was Amerikaner unter echter Weihnachtsmusik verstehen. Es wird umso feuriger, je weiter der Abend fortschreitet, das deutsch-amerikanische Wilde-Hühner-Quartett in der Reihe vor uns reagiert dementsprechend auch immer beschwingter und spätestens bei dem Mitmach-Lied "For Christmas my true love gave me a ..." kocht der Saal. Das ist auch gut so, denn draußen ist es heute so kalt, dass Huilin im Anschluss an die Veranstaltung gar nicht schnell genug in die U-Bahn kommen kann.
Der Junge mit den Geldhosen
So hieß vor über drei Jahrzehnten ein Kinderfilm in der ARD. Anders als bei mir haben sich dessen Hosentaschen von allein mit Geld gefüllt. Aber auch ich habe heute eine dicke Tasche. Mir wurden nämlich vorgestern im Fünf-Sterne-Grand-Hotel von Nanjing über 27.000 Yuan (die höchst chinesische Banknote ist ein 100-Yuan-Schein) von Gästen aus Schanghai ausgezahlt, nachdem die Überweisung meiner Auslagen für die legendäre Kinder-Uni (sin-o-meter berichtete) auf mein Konto mehrfach gescheitert war, weil der Name des Empfängers nicht stimmte. Mein Gehaltskonto habe nämlich nicht ich eröffnet, sondern die Uni, aber unter welchem Namen, das wird wohl nie vollends geklärt werden können. Mir wurde damals die Karte einfach in die Hand gedrückt, das ist in China so Usus, und ich kenne - absurditas absurditatum - bis heute nur die PIN. Die reicht aber, um mein Konto, wie ich beschlossen habe, in Kürze leer zu räumen (Zinsen gibt es da ja auch nicht). Zwei Tage lang lag meine graue Postbüx mit dicker Tasche in meinem Zimmer herum. Bis heute: dem Tag, an dem ich das Abenteuer Kontoeröffnung wage.
"English speaking counter" steht da zwar an der Scheibe des Schalters, hinter dem eine junge Dame in Post-Uniform (kein Gelb!) mich immer wieder gequält anlächelt, aber das Formular spricht leider nur Chinesisch und erst das dritte Exemplar kann angenommen werden, wie mir die junge Dame, die mit ihrem Lächeln wohl über das leere Versprechen mit dem "English speaking counter" hinwegzutäuschen versucht, verständlich macht. Endlich stehen mit Hilfe der Kollegen um sie herum Name, Vorname und die Passnummer im richtigen Feld und alle haben begriffen, dass ich ein Festgeldkonto für 3,5 Prozent Zinsen möchte. Etwa eine Stunde - vom Ziehen der Nummer (wie beim deutschen Arbeitsamt!) bis zum Empfang des Postsparbuchs - bringe ich vor den Schaltern zu, um bei der chinesischen Postbank mein erstes eigenes Konto zu eröffnen. Aber am Ende ist es geschafft und ich kann spürbar erleichtert meiner Wege ziehen. Ich habe noch viel vor: im Goethe-Sprachlehrzentrum für die Weihnachtsfeier der Deutsch-Abteilung nächsten Freitag werben und zwei zerschlissene film-o-meter-Hosen zur Schneiderei bringen, um sie für umgerechnet fünf Mark reparieren zu lassen. Meine Geldhose will schließlich auch mal Urlaub haben und im Schrank liegen.
Vincent will mehr
Heute verlasse ich geradezu fluchtartig um 11.30 Uhr den GoDi der internationalen Gemeinde, denn morgen reist mein aktueller Tennis-Partner Vincent zurück in die USA. Und heute wollen wir noch mal auf die Bälle eindreschen, haben den Platz aber nur für 12 Uhr bekommen. Vincent, Ende sechzig, ist vor vier Jahrzehnten aus China in die Vereinigten Staaten ausgewandert und hat nun einen Lehrauftrag in China. Doch seine Frau erwartet ihn zur Weihnachtszeit in der Heimat und so ist heute unser vorerst letztes Treffen auf dem Platz. Vincent ist total übermotiviert und hat eine Phase von ca. 15 Minuten, wo ich keinen Punkt lande. Erst ganz am Schluss gelingen mir wieder ein paar gelungene Netzangriffe.
Am Nachmittag ist noch Zeit für eine DVD im Kerzenlicht. Seit vor etwa drei Wochen mein DVD-Gerät an die Wand flog (Kritik hier), als ich den Film "Surrogates" nicht zu Ende sehen konnte, muss ich mich jetzt mit einem Adapter herumärgern, den ich mir für umgerechnet vierzig Mark habe andrehen lassen. Damit kann ich Filme auf dem Computer abspielen und auf dem Fernsehbildschirm sehen. Tolle Sache - theoretisch. Seit ich in Schanghai Zeuge werden durfte, wie meine Hangzhouer Kollegin Katharina (vorher in Nanjing) beim Erwerb eines Ladegeräts für ihr Mobiltelefon gnadenlos auf die Hälfte oder noch weniger des Ausgangspreises heruntergehandelt hat, werde ich irgendwie das Gefühl nicht los, dass ich für dieses Computer-zum-Fernseher-Teil des Typs MT-PTOI möglicherweise zu viel Geld ausgegeben habe. Jedesmal muss ich an vier Mini-Knöppen, so groß wie Zwiebackkrümel, das Bild anpassen, damit die Gesichter der Darsteller nicht aussehen wie Bohnenstangen und die Farben nicht wie auf dem Höhepunkt eines LSD-Rausches. Das Bild wird trotzdem nie so scharf wie auf dem Computer. Dafür fehlen an den Bildrändern jeweils etwa zehn bis zwanzig Prozent. Der Film "Larry Crowne", den ich eingelegt habe, ist zudem ziemlich schwach (12 oder 13 auf dem film-o-meter). Da macht selbst die Adventskerze, die im Sommer geschmolzen war und nicht mehr gerade stehen kann, schlapp. Sie stürzt sich mit einem theatralischen Auflodern in das Glas mit der vertrockneten Blume vom Lehrertag.
Koreaner!
Beim gestrigen Essen der ausländischen Lehrkräfte habe ich mich freundlich an die koreanische Kollegin gewandt, weil mir in Schanghai ein südkoreanischer Professor auf der Suche nach einer neuen Beschäftigung seinen Lebenslauf in die Hand gedrückt hat. Sie könne mir helfen, sagt sie. Wir treffen uns heute um Punkt zwei Uhr in der Eingangshalle des Fachbereichs Sprachwissenschaften. Ich will ihr nur rasch das Papier mit dem Lebenslauf aushändigen. Aber nachdem ich die Erklärungen von gestern Abend wiederholt habe, weigert sie sich mit der mehrfach auf Chinesisch vorgetragenen Erklärung "Ich habe keine Beziehung zu ihm!" das Blatt anzunehmen. Ich verstehe nur Bahnhof und wiederhole, es gehe doch nur darum, das Blatt an den Leiter der Koreanisch-Abteilung, ihren Chef oder ihre Chefin, weiterzuleiten. Nichts zu wollen. Das sei ausgeschlossen. Ich bitte sie schließlich, bereits um Fassung ringend, mir das Brieffach ihres Abteilungsleiters zu zeigen. Sie könne das dann ja dort für mich einwerfen. Das tut sie dann auch, nachdem wir gemeinsam mit dem Fahrstuhl in den siebten Stock gefahren sind. "Zufrieden?", scheint ihre Miene sagen zu wollen. Vielleicht könne ich ja später dazu einige erklärende Worte an ihn richten, wenn sie geneigt sei, mir zu zeigen, wo sein Büro sich befinde. Sie ist nicht geneigt. Mit einem spröden Dankeschön verabschiede ich mich.
Koreaner sind die letzten Heuler!
Die Abenteuer von Tim und Struppi
Lange hat sie ja nicht durchgehalten. Gestern war sie noch betont einsilbig und hat selbst einfachste und auf Deutsch vorgetragene Fragen nicht beantwortet, wie zum Beispiel: "Habt ihr die letzte U-Bahn noch erwischt?" Heute dagegen feiert sie schon wieder mit uns: meine schwäbische YUST-Kollegin Ursula, die mich Mittwoch noch im Kniffel-Spiel geschlagen, danach aber das Wettrennen in der U-Bahn verloren hat. Ich lasse die Konferenz nämlich mit einer großen Sause ausklingen und habe Hongzhen zu diesem Zweck beauftragt, sieben Plätze in einem Restaurant in der Nähe des Renmin Gongyuan (wo, wie kürzlich sogar der SPIEGEL berichtete, chinesische Eltern einen Heiratsmarkt mit Zetteln an Wäscheleinen etabliert haben) oder doch eher in sicherer Distanz zum Renmin Gongyuan. Ich schwitze mich auf dem Weg dorthin halbtot. Als erste der geladenen Ex-Studentinnen, die jetzt in Schanghai arbeiten, taucht die seit zwei Jahren verehelichte (sin-o-meter berichtete am 28. Juni 2009) Li Jun auf, die ihren Lehrer schon früher gern mit Charme umwickelte (was nicht ganz wirkungslos blieb) und mich passend dazu heute mit einem Schal beschenkt. (Damit liegen Schals in der ewigen Rangliste der populären Geschenke junger chinesischer Damen an mich nahezu uneinholbar auf Platz eins - mein vierter Schal! Wenn Stenzi noch mit mir reden würde, müsste ich ihm glatt einen vermachen.) Li Jun hat rot gefärbte Haare und sieht blendend aus. "Schick", sage ich, "kommst du gerade vom Frisör?" Das Essen ist ein voller Erfolg, am Ende gelingt es mir sogar, Hongzhen ein Schnippchen zu schlagen und die Zeche (400 Yuan) zu zahlen. Das ist angemessen (dass ich zahle), denn Hongzhen verdanke ich einen wunderbaren Nachmittag. Damit meine ich nicht das Restaurant, das auch, aber vorher hat sie meine Jugend wieder zu Leben erweckt - in 3-D! Ich spreche natürlich von der sensationellen Steven-Spielberg-Verfilmung der unübertrefflichen Abenteuer von Tim und Struppi. Hongzhen hat durch Mitgliedschaft in einem Internetclub und Frühbucherrabatt doch tatsächlich eine Eintrittskarte für umgerechnet zwei Mark (weniger als zehn Prozent des Normalpreises) für mich ergattert. Dafür musste ich alleine sitzen, denn überraschend hatte sich noch eine Freundin mit angesagt. In der Nachmittagsvorstellung (Englisch mit chinesischen Untertiteln) ist das Kino selbst in Schanghai nicht ganz bis zum letzten Platz gefüllt, sodass ich meine Jacke in dem warmen Saal zum Glück auf einem freien Platz ablegen konnte. Es haben diesmal in meiner Nähe auch gar keine Chinesen während des Films telefoniert. Total ungewöhnlich! Nach dem Film half ich dann Hongzhen die Orientierung zu behalten und wir legten die Strecke zum Renmin Gongyuan zu Fuß zurück. Ganz schön warm wurde mir da mit dem Gepäck für eine Woche Konferenz auf dem Rücken. An die zwanzig Grad sind auch für diese Breitengrade im November etwas überraschend.

Leider ist Jahrgangs-Schönheitskönigin Yinji, frisch verheiratet, ausgefallen; außer Hongzhen sind Fenghua, ebenfalls frisch getraut, Shenling (sin-o-meter berichtete) und eben Li Jun gekommen. Natürlich muss ich mich als alter YUST-Betreuer auch noch mal rasch nach dem geistlichen Zustand der jungen Damen erkundigen. Da muss Fenghua mal eben rasch aufs Klo, aber das nützt ihr natürlich nichts. Sie muss hernach trotzdem erklären, dass ihr Ehemann noch keine Kirche von innen gesehen hat. Wenn das Herr Linke hört!, warne ich. Sollen sie doch eine Hauskirche eröffnen, rate ich. Ich glaube, Fenghua ist nach Themawechsel.
Inzwischen ist auch Ursula auf dem Weg, die sich per SMS immer noch lieber mit Hongzhen abstimmt als mit mir. Es ist auch noch genug zu essen da, als sie von einem Treffen mit einer anderen Studentin auftaucht. Wenig später muss ich dann allerdings abtauchen: zum Bahnhof. Ich sitze zehn Minuten vor Abfahrt schon auf meinem Platz im Zug nach Nanjing und sende Hongzhen eine SMS, damit sie sich nicht sorgt. Spannende Abenteuer, peinliche Pannen und überraschende Wendungen, die sind heute ganz und gar den Experten überlassen: Tim und Struppi. Die haben auch viel bessere Nerven als ich!
Das ausgefallene Fachgespräch
Eigentlich hatte ich mich für heute Abend, anlässlich des fröhlich-geselligen Abschlusses der Veranstaltung, mit Professor Liu Wei, dem Vize-Dekan des hiesigen Deutsch-Instituts, verabredet, der wie ich über Joseph Roth promoviert und, wovon ich mich mit Hilfe des mir von ihm eigens überreichten Exemplars seiner Dissertation persönlich umgehend überzeugen konnte, mich natürlich auch in Kapitel eins unter Forschungsstand erwähnt hat. Wir wollten noch ein kleines Fachgespräch führen. Doch der von mir eigens frei gehaltene Platz an meiner Seite bleibt auch nach dem letzten Gang des Menüs leer. Der Grund spricht sich in der heiteren Runde, in der ich allerdings schon bald allein am Tisch sitze, schließlich herum: Im Hotel hat sich ein Gewitter zusammengebraut: Fehler bei der Abrechnung. Ich denke mit Grausen an meinen Stress als Organisator der Konferenz in Nanjing vor Jahresfrist zurück. Selbst nach Mitternacht - ich kehre, da ich mich wie üblich nicht mit den anderen auf die Partymeile begeben habe, von einem Nachtspaziergang zurück - sitzen die Herren, darunter als Vertreter der Fudan-Universität Professor Liu, im Foyer des Hotels und versuchen den Knoten durchzuhauen. Man sieht die Köpfe förmlich rauchen.
Gefangener der Katakombe

Schanghai bei Nacht. Kann auch (anders als auf dem Foto mit einigen geschätzten Konferenz-Kollegen) sehr dunkel und trübe und menschenarm sein. So wie in diesem Viertel, in dem ich buchstäblich festhänge. "Ich will hier raus!", denke ich und zwänge meinen Kopf durch den schmalen Spalt zwischen Plexiglas und Dach des U-Bahnabstiegs, in dessen Katakombe ich eingesperrt wurde. Nichts zu wollen, ich passe da nicht durch. Kein Weg ins Freie. Dass inzwischen keine U-Bahn mehr fährt, war mir schon klar. Schließlich habe ich die letzte, der ich meine geschätzten YUST-Kolleginnen entsteigen zu sehen hoffte, gerade an mir vorbeirauschen sehen. Die YUST-Kolleginnen scheinen, da sie über einen Stadtplan verfügen, bemerkt zu haben, dass der Ort, den uns beim Umsteigen ein Bahnangestellter empfohlen hat, um zur Fudan-Uni zurückzukommen, rechtzeitig bemerkt zu haben, dass dieser Ort viel zu weit entfernt liegt von unserem Hotel. Ich hatte diesen Erkenntnisprozess noch vor mir. Und nachdem ich mal wieder orientierungslos drauflosgelaufen war, schwante mir alsbald, dass es doch besser wäre umzukehren, sich noch mal in die immer noch beleuchtete U-Bahn-Katakombe hinabzubegeben und sich da, wo der U-Bahnplan hängt, auf halber Strecke zu den Bahnsteigen, noch mal einen Überblick über die Gesamtlage hier zu verschaffen. Als ich dann aber die Treppe wieder emporstieg, tja, da waren auf einmal die Rollläden unten. Da hat mich jemand hinterrücks hier unten eingesperrt! Ich renne von Ausstieg A nach B und gröle "Bedienung!", ich öffne Türen, an denen man sonst achtlos vorbeiläuft, finde aber niemanden. Nun stehe ich hier oben und spähe so halb über die Plexiglaskante nach draußen wie ein blinder Passagier durchs Bullauge unter Deck, nur dass ich statt trübem Meer trübe Schanghaier Nacht sehe. Sinnlos rumgeschraubt und mich dabei eingesaut habe ich auch schon, aber an der Plexiglaskante löst sich außer einer Schraube nichts. Ich habe gewissermaßen eine Schraube locker, tolle Aussichten! Ich schreie einen Radfahrer und noch einen an, ob er mir mal helfen könne. Einer blickt sich kurz um und fährt dann irritiert weiter. Ich erlebe, was landauf, landab soeben für einen Aufschrei der Empörung gesorgt hat: mangelnde Hilfsbereitschaft, weil man doch zu dem Betfoffenen "keine Beziehung" habe. Im Fall, der für Schlagzeilen sorgte, war der Betroffene ein zweijähriges, vom Auto überfahrenes Kind, das seinen Verletzungen erlag. Doch da! Zwei junge Männer, die direkt auf Augenhöhe an mir vorbeischlendern, sind zu nah, als dass sie einfach weitergehen könnten. Ich frage, ob einer von ihnen ein "shouji", ein Handgerät habe, wie hier Mobiltelefone heißen. Das ist in China ja eigentlich eher eine rhetorische Frage. Die Jungs gucken irritiert. Vielleicht sei auf der anderen Seite offen, schlägt man mir vor. Ich verneine. Da müsse doch unten einer sein. Ich verneine erneut. Ja, wollen die mir nun helfen oder nicht?
Mitternacht vorbei. Und ich sitze also mal wieder in der Tinte. Dabei hatte alles so schön begonnen: Mit meinen YUST-Kolleginnen Ursula und Bettina war ich mitten im leuchtenden Schanghai, im Glimmer-Viertel Pudong (hier stehen dicht an dicht einige der höchsten Wolkenkratzer der Welt), auf Einladung der Ex-YUST-Studentin Hongzhen gemütlich essen gewesen - direkt neben dem großen Fernsehturm (siehe Foto). Dann wurde es, wohl aufgrund der ausgeuferten Knipserei, am Schluss etwas knapp mit dem U-Bahn-Anschluss. Denn in Schanghai endet das Weltstadt-Gehabe gegen 23 Uhr. Dann stellen viele U-Bahnen den Betrieb ein, die zur Fudan-Uni, wo wir hin müssen, sogar schon etwas früher. Pech für uns. Ein Angestellter verwies uns auf jene Station, in der ich jetzt eingesperrt bin. Wir sputeten uns, um zum Bahnsteig zu gelangen. Vor mir begannen einige Chinesen zu rennen. Ich rufe nach hinten: "Die laufen alle. Wir sollten auch mal laufen." Denn die Einheimischen wissen vermutlich besser als wir, wann man sich beeilen muss, um die letzte U-Bahn noch zu erwischen. Als ich unten bin, hält tatsächlich gerade ein Zug, hat die Türen just geöffnet. Ich blicke mich um. Meine Kolleginnen habe ich offensichtlich abgehängt. Dabei bin ich nicht mal schnell gelaufen. Nur bisschen getrabt. Ich stelle mich in die Tür, um den Zug noch ein paar Sekündchen aufzuhalten, falls sie nun zumindest atemlos auf der Treppe auftauchen sollten - wo bleiben die nur? -, dann ertönt das Signal zum Türenschließen. Rein oder raus?, denke ich, bleibe dann aber drin. Soll ich meiner Schwestern Hüter sein? Wie der geneigte sin-o-meter-Leser inzwischen weiß, habe ich die vorletzte U-Bahn erwischt, aber was aus meinen Kolleginnen geworden ist, ob sie die letzte oder ein Taxi genommen haben, werde ich nie erfahren. Denn morgen wird keine von ihnen mehr mit mir reden als unbedingt notwendig.
Nur eines ist sicher: Später als ich sind sie nicht im Hotel angekommen. Denn eine halbe Stunde habe ich in den Katakomben verbracht, ehe plötzlich tatsächlich von unten ein U-Bahn-Angestellter auftaucht, den offenbar einer der beiden Passanten telefonisch informiert hat, die ich angehalten habe. Wieso hat der mich denn eben da unten nicht rufen gehört?!? Die Jalousie geht also hoch, ich bin frei. Doch jetzt habe ich noch einen endlos langen Marsch vor mir, ohne Stadtplan, durch eine Stadt, die ich nicht kenne, die 16 Millionen Einwohner hat und in der bei Nacht auch alle Straßen grau sind. Ich orientiere mich an Straßenschildern, die glücklicherweise hier in Schanghai - tolle Idee! - an jedem Ende eine Himmelsrichtung angeben, und erreiche nach ca. 45 Minuten Fußmarsch durch die Schanghaier Nacht die Tongji-Uni und wenig später, gegen eins, halb zwei, die Fudan. Wie gut, könnte man jetzt eigentlich sagen, dass ich mich noch mal unten in der U-Bahnstation über meinen genauen Standort im Verhältnis zu der Station, wo ich normalerweise ausgestiegen wäre, vergewissert habe! Man könnte aber auch sagen: Wo mein Orientierungssinn versagt, kann ich mich immer noch auf die Gnade Gottes verlassen, die selbst meine Dusseligkeit noch überragt.
Warme Semmeln
Auch in diesem Jahr geht, wie vor exakt zwölf Monaten in Nanjing (sin-o-meter berichtete), alles, was ich anpreise, weg wie warme Semmeln. Diesmal ist mein Angebot aber auch besonders günstig: Ich verschenke kleine, grüne Schiller-Heftchen mit der Erzählung "Verbrecher aus verlorener Ehre", die von der Kinder-Uni übrig geblieben sind. Kollege Schulz hat den Text für seinen Lektüre-Kurs vorgesehen und nimmt gleich 36 Stück auf einmal. In der Pause muss ich schon die letzten Reserve-Exemplare der von mir herausgegebenen Büchlein aus der Tasche holen, um Menschen noch lächeln zu sehen.
Zu spät und viel zu spät
Beim Frühstück bin ich in Anbetracht der Strapazen von gestern nicht so in Eile und als ich noch gemütlich esse, sind auch die letzten beiden Kolleginnen bereits kurz vorm Aufbruch zum Konferenzsaal. Ob ich mit wolle. "Nö", sage ich, "jetzt ist doch Festplatten-Frank mit seiner alljährlichen Präsentation dran, das interessiert mich sowieso nicht." Ich wisse nur leider gar nicht, wo wir uns jetzt träfen. Die gerade abschwirrenden Kolleginnen haben auch nur vage Informationen.
Ich irre dann eine halbe Stunde hilflos über den Campus, den ich so ganz gut kennen lerne, sehe auch das "rote Haus", das man mir beschrieben hat, aber die Konferenz finde ich nicht. Am Ende der unfreiwilligen Campus-Besichtigung stehe ich im höchsten Gebäude der Uni, einem imposanten Hochhaus mit Stalin-Charme, und sehe dabei so ratlos aus, dass eine Deutsch-Studentin auf mich aufmerksam wird. Gemeinsam mit ihrem Mobiltelefon findet sie heraus, dass hier im großen Saal zwar normalerweise konferiert wird, nur heute eben sei unsere Konferenz woanders. Nur nicht die Nerven verlieren, sage ich mir, am Ende wird alles gut. Das sieht nur jetzt nach Problem aus und ist morgen schon vergessen. Noch ein paar Telefonate, dann lotst sie mich zum richtigen Ort. Und da kommen mir auch schon meine Frühstückskolleginnen entgegen. Hoppla, der erste Teil der heutigen Sitzung ist schon vorbei. Die beiden Damen sind offenbar zu spät eingetroffen und wurden, so schildern sie mir die Lage, brutal an den Pranger gestellt. "Sei froh, dass du nicht dabei warst", raunt mir die blondere von beiden zu. Tja, ich biege mal schnell um die Ecke, da stehen einige in der Pause und rauchen. Ich mische mich schnell und unauffällig unter sie. Hat ja keiner gemerkt, dass ich gefehlt habe. Bei so vielen Leuten... Dann wende ich mich an den Konferenzleiter, den ich vor etwa 15 Minuten anzurufen versucht habe, um mich nach dem Weg zu erkundigen. Dieser Anruf ist mir natürlich inzwischen peinlich und muss schnell unter den Teppich gekehrt werden. "Ich hätte da noch eine Frage", sage ich, als wäre ich schon eine Stunde lang in der Sitzung gewesen. Zum Gruppenfoto erscheine ich mittags pünktlich und sichere mir einen Sitzplatz in der ersten Reihe; aber vollständig ist das Bild trotzdem nicht.

Am Nachmittag geht es mit dem Bus nach Suzhou: Konferenzausflug. Die meiste Zeit lese ich Martin Mosebach oder unterhalte mich mit Ursula und Bettina, den Kolleginnen aus Yanji. Der Ausflug ist für mich nicht sonderlich interessant. Im Park des braven Beamten Sowieso war ich bereits am 14. Mai mit Stadtneurotikerin Danyu (sin-o-meter berichtete).

Der Abend krönen wir das Wiedersehen von YUST- und Ex-YUST-Fachkräften und lassen den Abend in einer Pizzeria ausklingen, wo unsere Schanghaier Kollegen Thomas und Ralf bereits die Plätze angewärmt haben.
Das Bild hängt schief!
Es war doch nicht so eine gute Idee, heute Vormittag noch Unterricht zu geben, die Bibliothek zu öffnen und mich zeitgleich innerlich wie äußerlich auf die Reise nach Schanghai einzustellen, wo heute die jährliche Konferenz der Deutschdozenten beginnt. Ich renne zwischen Wohnung und Bibliothek hin und her wie das Spielzeug-Motorrad von Goebel-Chemie, das man durch Hin- und Herrollen des Hinterrades aufziehen konnte, bis es wie bekloppt durch die Wohnung schoss und irgendwann gegen die Wand donnerte. Als ich die Bibliothek das erste Mal verlasse, stehe ich draußen vor der Tür, habe gerade das Schnappschloss zugedrückt und stelle fest, dass ich meinen Schlüssel auf dem Schreibtisch liegen lassen habe. Ich renne zur Bibliotheksverwaltung. Zum Glück kann man mir aufschließen. Gegen elf kehre ich in die Bibliothek zurück, betreue einige Studenten, Yinuo zum Beispiel, die ein Gutachten benötigt und mir noch einige Informationen geben muss. Es ist schon später als geplant, als ich schließe. Und diesmal habe ich den Schlüssel in der Schublade eingesperrt, die man (da hier auch die Strafgelder der Studenten für verspätet zurückgegebene Bücher lagern) ebenfalls per Schnappschloss sichern kann. Mir bleibt nur eine Bruce-Lee-artige Gewaltaktion (die sich ein Stück weit auch gegen mich selbst richtet), um die Holzschublade völlig zu zertrümmern. Zwei Bretter, die vorher die Frontseite der Schublade bildeten, fliegen in die Ecke, der Schlüssel liegt tatsächlich dahinter. Ich lege den Schlüssel sonst nie da rein, aber das nützt mir jetzt auch nichts.
Zu Hause gehen noch mal dreißig Minuten verloren, weil ich mir Holzsplitter aus den Fingern operieren muss. Ich kann das nicht haben, dieses Gefühl, da sitzt was in mir drin, das nicht zu mir gehört! Diese Kettenreaktion von Ereignissen, die den ganzen geplanten Ablauf auf den Kopf stellt, erinnert mich an den Loriot-Sketch "Das Bild hängt schief". Ich müsste mir jetzt nur noch mit dem Operationswerkzeug ins Auge stechen, vor Schreck rücklings in die Badewanne stürzen, dabei den Duschvorhang zerreißen und so weiter. Aber ich lasse die Satire mal lieber in dem Moment enden, da ich den größeren der beiden Splitter endlich zu fassen habe. Hans-Jo. würde das jetzt eine "Fleischwunde" nennen. Da ich gestern Abend nach einer kleinen Wanderung mit Huilin in Ermangelung eines Reisepasses, den man neuerdings für Zugreisen vorlegen muss, noch keine Fahrkarte kaufen konnte, hetzt mich ja auch nichts - Glück im Unglück.
Ich komme schließlich gegen 17.15 Uhr in Schanghai an. Leider finde ich dann aber doch nicht den Weg zur Fudan-Universität, dem Tagungsort, sondern irre mal wieder durch die Gegend. Dass Chinesen, die man nach dem Weg fragt, nie zugeben, nichts zu wissen, sondern einen lieber zum Mond schicken, macht die Sache auch nicht leichter. Am Ende bin ich aber doch am Ziel. Sabina (sin-o-meter berichtete) und zwei andere Schanghaier Kolleginnen entdecken mich als erste. "Du kommst genau richtig zum Essen!", begrüßt mich Sabina. Das Essen ist "mamahuhu". Nachdem ich die Yanjier Kolleginnen begrüßt habe, ist noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen: Ich darf der erfreuten Kollegin Stefanie E. den Kult-Pullover aushändigen, den sie vor einem Jahr am Tagungsort Nanjing im Hotel liegen ließ. Immerhin ein Trost: Missgeschicke widerfahren auch anderen.
Sprachliche Herausforderung
Nachdem ich der U-Bahn entstiegen bin, sehe ich, wie auf der anderen Seite der Bus D1 gerade abfährt, der mich zum Xianlin-Campus der Nanjinger Pädagogischen Hochschule (Nanshida) bringen soll, wo ich heute Abend einen Vortrag zum Thema "Leben und studieren in Deutschland" halten soll. Ich flitze, so schnell wie das der halbe Zentner Broschüren und Info-Material zulässt, die ich mitschleppe, über die Straße, winke dem beschleunigenden Bus zu; der ignoriert mich, wechselt auf die linke Spur und fährt an mir vorbei. Hinter mir aber ist die Ampel gerade rot geworden, an der Kreuzung muss er halten. Die Dauer der Rotzeit wird in China von den Ampeln in Sekunden angezeigt. Ich habe eine halbe Minute. Ich eile dem Bus hinterher, klopfe energisch an die Tür. Der Fahrer schaut mich durch die Scheibe unwillig an. Ich hebe meine schwere Tasche hoch, tippe mit meinem rechten Zeigefinger auf meine Armbanduhr. Die Tür geht auf. Der Bus ist proppevoll und es ist schweineheiß. Mein film-o-meter-Moderatoren-Jackett wird zur Belastung. Doch niemand wird allen Ernstes von mir verlangen, dass ich in dieser Stadt noch mal ein Taxi nehme. 
Am Eingang der Nanshida erwartet mich Felix, der freundliche Kollege vom Bosch-Lektorenprogramm. Wenig später trifft Frau Chen ein, die Chefin der hiesigen Deutsch-Abteilung, eine frühere Professorin der Uni Nanjing, die den Vortrag für mich organisiert hat. Es erscheinen fast sechzig Studenten. Frau Chen fordert mich heraus, den Vortrag auf Chinesisch zu halten, da Englisch den meisten Anwesenden nicht so geläufig sei und ihr Deutsch auch noch nicht so gut entwickelt. Am Ende wird es ein chinesisch-englischer Vortrag mit gelegentlichen Ausrutschern ins Deutsche. Keine einzige Broschüre bleibt zurück. Selbst die Landkarte von Deutschland, die sich mitten im Vortrag von der Wand gelöst hat, ist am Ende spurlos verschwunden. Mit dem überladenen D1 gibt es kein Wiedersehen: Felix, dessen Unterkunft ebenfalls im Stadtzentrum liegt, und ich werden von einem weit fortgeschrittenen Studenten mit Deutschlanderfahrung und Auto zur nächsten U-Bahn-Station chauffiert.
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