Tweety und der weiße Kaffee
Wang Xige ist wieder da. Unlängst habe ich sie im sin-o-meter als Tweety vorgestellt. Wie immer meldet sie sich am Telefon auf Chinesisch und stellt mich vor fast unmöglich zu lösende Verständnisprobleme. Sie redet was von Kaffee. Benno, der neben mir steht, will was von einer Einladung zum Kaffee verstanden haben. Aber er war zu weit weg vom Telefon. Ich befinde mich gerade mit meinem frisch ernannten "Assistant Project Manager" im Büro der Uni-Druckerei um einen Werbedruckauftrag zu besprechen. Wenig später steht sie in der Tür und drückt mir Tüten mit Instant-Cappuccino in die Hand. Xige versucht mir mitzuteilen, dass sie das im letzten Semester ausgeliehene Buch "Schlaglichter der deutschen Geschichte" nicht mehr auffinden könne. Das müsse sie dann ersetzen, sage ich, aber sie solle man noch mal daheim gründlich suchen. Draußen erkläre ich dann noch in dürren Worten, dass ich Kaffee gar nicht trinke, aber ich verspreche, diesen "weißen Kaffee" wenigstens mal zu probieren und das Pulver dann weiterzuverschenken. (Mein Satz endet bei "mal probieren".)
Am Abend gibt es schon wieder ein feudales Diner. Diesmal hat die Linguistik-Professorin Chang ihre deutsche Kollegin Pittner zum Abschluss einer Vortragsreihe eingeladen. Gekommen sind auch Professor Hong (diesmal im schnieken Anzug) und eine Reihe ehemaliger Professoren des Deutsch-Instituts, alle um die achtzig Jahre alt. Neben mir sitzt die einzige Kollegin dieser Generation. Sie war dereinst die Lehrerin der jetzigen Chefriege und hat die ganze Kulturrevolution miterlebt. Sie drückt mir das Buch "Nachsinnen am Bodensee", eine Sammlung von eigenen Texten, in die Hand, die sie vermeint mir schon bei unserem letzten Zusammentreffen ausgehändigt zu haben, was aber nicht stimmt. Die erste Studentin, die später das Buch in der Bibliothek ausleiht, ist Xige. Der "weiße Kaffee" landet bei Benno, der das Projekt, dieses aus meiner Sicht ungenießbare Zeug zu verwerten, mal schön "managen" kann.