Mistverständnisse
Unser aller Pekinger Chef, Herr Hase-B., ist gemeinsam mit einem Referatsleiter des Akademischen Austauschdienstes anlässlich einer Tagung und wichtiger Gespräche mit Uni-Größen in der Stadt. Für den Abend habe ich für die Gäste aus Peking und ein paar deutsche Gastdozenten weisungsgemäß einen Tisch im Uni-Restaurant vor meiner Haustür bestellt und auch noch mal umbestellt, nachdem ich erfahren musste, dass Hase-B. und Co. erst eine Stunde später eintreffen würden als ursprünglich geplant. Denn nach acht Uhr kann man in den Universitätsrestaurants leider keine Feten mehr steigen lassen. Um die Zeit geht da nämlich schon das Licht aus.
Ich bin also mit meiner Reservierung ausgewichen in ein koreanisches Restaurant in Uni-Nähe. Um halb acht tauchen dank meiner exzellenten Wegbeschreibung auch die ersten Gäste auf, aber wo bleibt der hohe Besuch aus der Hauptstadt? Ist da was schief gelaufen? Ein Anruf auf meinem mobilen Hörapparat: "Ja, wir stehen jetzt hier im Eingangsbereich des koreanischen Restaurants. Wo seid ihr?" Der Eingangsbereich unseres Restaurants ist von unserem Platz aus bestens zu überblicken. Herr Hase-B. im falschen Film? In einer Parallelwelt? Was ist passiert? Ich werde meiner Verantwortung als Chef-Koordinator gerecht und betätige mich als Pfadfinder. Wir sind im fünften Stock, aber in den anderen Restaurants stehen keine Langnasen hilflos in der Gegend herum. Ich fahre per Rolltreppe wieder nach unten, blicke auf die Straße: kein Hase-B. weit und breit. Griff zum mobilen Fernsprechapparat: "Seid ihr denn auch wirklich an der U-Bahnstation Zhujianglu ausgestiegen?"
"Nee, äh, wir sind hier in Xinjiekou."
"Von Xinjiekou war ja auch nie die Rede. Ich hatte doch EXTRA geschrieben U-Bahnstation Zhujianglu!" Zitat aus meiner Wegbeschreibung: "Verwendung von Aufgang 4 der U-Bahn-Station Zhujianglu."
"Wir sind aber gar nicht mit der U-Bahn gekommen und der Taxifahrer hat uns hier rausgelassen." Zitat aus meiner Wegbeschreibung: "Tipp: sich auch dann an der Zhujianglu-Station in den Untergrund begeben um EXIT 4 (wichtig!) zu finden, wenn man mit dem Taxi kommt."
Ich suche nach einer Erklärung, die niemanden brüskiert: "Ich fürchte, der Taxifahrer war da keine große Hilfe."
"Und wir sind hier auch im vierten Stock. Und hier gibt es eine Rolltreppe und ein koreanisches Restaurant. Das passte alles genau zu deiner Beschreibung."
Ich sage: "Am besten, ihr fahrt jetzt mit der U-Bahn eine Station zurück, dann seid ihr da."
"Wir nehmen lieber ein Taxi."
"Nehmt ihr also ein Taxi. Vor dem Gebäude an der ZHUJIANG LU steht eine große, gelb-schwarze 'Transformers'-Figur; daneben erwarte ich euch."
Ich harre also ein paar Minuten an der großen, gelb-schwarzen "Transformers"-Figur aus, während sich ein paar Stockwerke über mir alles fragt, in welchem Raum-Zeit-Loch erst die Ehrengäste und dann ich verschwunden sein mögen. Schließlich taucht vor meinen Augen das Taxi mit den beiden Ver(w)irrten auf. "Zum Glück hat das Restaurant etwas länger auf", versuche ich, das Positive zu sehen.
Das Essen ist gut, der Abend verläuft fröhlich, bis mich Hase-B. mit der Auskunft schockt, für die von mir durchzuführende Kinder-Uni müssten ja noch viel mehr wichtige Leute, z.B. der Uni-Präsident und der Generalkonsul aus Schanghai, eingeladen werden, ob ich denn mit denen schon in Kontakt getreten sei. Ich höre von einer solchen Prominentenklausel zum ersten Mal. Kurz darauf stehe ich sogar noch dümmer da, als nämlich Hase-B. mit der bitteren Wahrheit herausrückt, wir müssten doch jetzt mal die Rechnung teilen. Das gab's ja noch nie: Der Chef bittet um ein informelles Besprechungsessen und der Akademische Austauschdienst lädt nicht ein! Ich habe in völlig konträrer Erwartung mein Portmonee einfach in der anderen Hosentasche gelassen, als ich mir die feinere Hose anzog. Zum Glück bekomme ich noch ca. 70.000 Yuan staatlicher Fördergelder für die Kinder-Uni. Da kann Hase-B. mir dann auch gerade noch mal mit 100 Yuan aus der Kreide helfen.