Die Reise nach Tongling
Heute fällt wegen der chinesischen Variante der Bundesjugendspiele mein Unterricht aus. Ich nutze die vier aufeinanderfolgenden unterrichtsfreien Tage für eine Stippvisite auf dem Jiuhuashan (Neunblumenberg) in der Nachbarprovinz Anhui, drei Zugstunden entfernt. Gestern bin ich nur bis Tongling gekommen. An einem Bahnhof, der draußen vor der Tür der eigentlichen Stadt liegt, fühlte ich mich zunächst wie bestellt und nicht abgeholt. Doch es gelang mir rasch, herauszufinden, dass Bus 2 und 16 in die Stadtmitte führen. Weiter zum Fuß des besagten Berges, wo man in gelbe Touri-Busse verfrachtet wird, die dreißig Yuan extra kosten, ging es aber gestern nicht mehr. Dafür muss ich heute früh raus, denn der Bus fährt schon um sieben. Neben mir sitzt ein junger Arzt, der in einem kleinen Ort in der Nähe Dienst in einem Krankenhaus tut. Wie auf Kommando - "Achtung, Didus im Anmarsch!" - trübt sich nach heiterem Wetter während der gestrigen Anreise der Himmel umso mehr ein, je näher ich dem Wunschziel komme. Und so sieht es lange Zeit so aus, als sollte ein völlig verwahrlost aussehender Landstreicher, der an einem öffentlichen Gebäude herumlungert und nur mit einem schlafsackähnlichen Umhang und einer zerschlissenen Hose bekleidet ist, durch die man ca. 64 Prozent seines blanken Hinterteils sieht, die spektakulärste Aussicht heute bleiben. Denn als ich an dem Ausgangspunkt aller Unternehmungen in diesem buddhistischen Natur- und Kulturpark, einer von Klöstern und Touristenunterkünften geprägten Siedlung, ankomme, hüllt mich dichter Nebel ein. Zehn Meter Sichtweite. Man sieht schemenhafte Konturen aus den wabernden Schleiern auftauchen, was ja auch mal interessant ist, aber für 160 Yuan (ca. 35 Mark) Eintritt dann doch bisschen wenig. Da kann man im Grunde auch gleich wieder umkehren!
Vom wilden Affen gebissen!
Ratlos und ziellos wandere ich die Straße bergan, als plötzlich ein Auto neben mir hält. Ein bereits mit drei Leuten bestücktes Privattaxi wird nicht müde, mich davon zu überzeugen, dass es am besten für mich wäre, mal rasch einzusteigen. Es ist nicht schwer, meine naturgegebene Skepsis zu überwinden. Wir rasen empor, durchstoßen die Wolkendecke, was mich kurz hoffen lässt, landen dann aber doch wieder unter ihr. Der Chauffeur bringt mich zu einem Punkt, an den mich der gelbe Bus auch noch gebracht hätte, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, in dieser Suppe den Durchblick zu behalten. Doch die drei Löcher für drei Busfahrten sind mir entgangen und ich habe zehn Yuan extra gezahlt. Dafür zeigt man mir freundlich, wie ich von der Sammelstelle Phönix, wo ich mich nun eingefunden habe, nach ganz oben komme. Der Gebirgspfad, auf dem ich wie üblich nicht ganz allein unterwegs bin, windet sich durch vom Klosterleben geprägte Siedlungen, die Treppe führt nicht selten durch die Häuser hindurch, sodass man auch gleich ein paar Souvenir angedreht bekommen kann, wenn man nicht Dr. Didus heißt. Unterwegs posiere ich ab und zu für junge Wanderleute. Doch eine Horde wilder Rhesusaffen, die sich zwischen dem ins Tal fließenden Bach, einem Kabel und Gebüsch hin- und herschwingen, ehe ein Tourist sie mit Mandarinen anlockt, stehlen mir die Schau. Das kann ich nur schwer ertragen. Also bringe ich mich rasch wieder in den Mittelpunkt, indem ich den sich an den Südfrüchten gütlich tuenden Affen bitte, mir doch auch was abzugeben. Als ich mich nähere, ist der Affe auf einmal wie vom wilden Affen gebissen und springt mir kreischend ans Knie. Da kramen sogar ältere Touris ihr verstaubtes Englisch wieder hevor, um mich zur Vorsicht zu mahnen. Der wilde Affe hat sich aber schon wieder beruhig und ich ziehe weiter. Ich habe noch Äpfel im Gepäck, die ich auch nicht teilen werden. Am höchsten Punkt des Aufstiegs ragt ein Kloster auf einem der Felsen malerisch empor, das "Tim im Tibet" alle Ehre machen würde. Der Ort heißt Tiantai ("Himmelsterrasse"). 
Leider hat inzwischen Regen eingesetzt und so klare Sicht wie auf dem Postkartenmotiv oben habe ich natürlich nicht. Doch ab und zu treiben Abwinde die Wolkenschwaden hinfort und geben den Blick auf die Hänge unterhalb frei. Ich lasse das Kloster hinter mir und wandere weiter. Es lohnt sich, denn auf dem Weg zur "Blumenterrasse" durchquere ich eine immens schmale Felsspalte und sehe auch noch das berühmte Buddha-Gesicht (ein Felsen, der, aus der richtigen Perspektive betrachtet, aussieht wie ein Gesicht mit Nase, Augen und Brauen). Ein Lob, muss ich denken, meinem Ausstatter Jack Bröselskin, dem ich die unverwüstliche "Postbüx" und die nicht minder unverwüstliche "olle Lederjacke" verdanke. Vor allem die olle Lederjacke bietet immer wieder Schutz vor dem feuchten Nass von oben. Inzwischen bin ich übrigens mutterseelenallein im Gebirge unterwegs und fühle mich ein bisschen wie der Held aus "127 Stunden", dem letzten Film meines früheren Interview-Partners Danny Boyle. Beim Abstieg werde ich dann doch noch für meine Strapazen entlohnt: mit einer wahrhaft himmlischen Panorama auf die umliegenden Hänge des Jiuhaushan, deren Spitzen aus einem weißen Nebelschleier herausragen, dessen Anblick einem den Atem raubt. Hinzu kommt die Farbenspiel des Herbste mit gelb-braunen Tupfern im Grün der Berge. Ich staune so lange, dass ich reichlich spät wieder unten bin. Aber ich bin gar nicht unten. Ich bin in einer vom Nebel verhüllten Siedlung, in der ich prompt den Weg verliere und plötzlich in einer Waldlichtung stehe, in der ein paar gefällte Bäume alles sind, was hier noch an einen Wanderweg erinnert. Ich muss wieder zurück in die Spur. Aber das ist leichter gesagt als getan bei einer Sichtweite unter zwanzig Metern! Ein Klappern. Da irgendwo ist Leben in dieser verlassen wirkenden Siedlung. Doch das Klappern rührt von einer Wasserwippe im Bach, die oben voll läuft und dann mit einem Klappern nach unten kippt, sich dort entleert und wieder hochschwingt. Die kann mir nicht aus der Patsche helfen. "Nur nicht die Nerven verlieren", sage ich mir, "es ist doch unmöglich, dass ein Touristenwanderweg im Nichts endet. Tatsächlich stoße ich, als ich den Weg zurückgehe, eine asphaltierte Straße, die von Laternen gesäumt ist. Nun kann der Weg in die Zivilisation nicht mehr weit sein. Ich lande in einer Tempelsiedlung, die zugleich Abfahrtsort der gelben Busse ist. In dem Nebel finde ich die zwar erst, nachdem ich mich bei einem der verstreuten Touristenrudel erkundigt werde. Wenige Minuten vor fünf besteige ich den letzten Bus von hier, der dann auch um fünf pünktlich abfährt - mit mir als einzigem Gast. Ich finde eine Herberge, deren Betreiberin mich ständig anschreit und auch sonst wenig geübt darin zu sein scheint, ihren Gästen Wünsche von den Augen abzulesen. Immerhin ist das Hotelzimmer auch nicht teuer (umgerechnet 16 Mark) und nachdem ich eine Weile gezittert und dreimal darum nachgesucht habe, trifft auch endlich die Fernbedienung für die Klimaanlage ein. Ich wandle auf MacGyvers Spuren und befestige in Ermangelung von Kleiderbügeln mit einem Kugelschreiber meine völlig durchnässten Socken an der Klimaanlage, sodass der warme Strahl sie über Nacht trocknen kann. Die Kleidung zum Wechseln liegt im Tal in der Gepäckaufbewahrung an der Busstation.
