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Donnerstag, 24. November 2011

Gefangener der Katakombe
Von DM, 23:59


Schanghai bei Nacht. Kann auch (anders als auf dem Foto mit einigen geschätzten  Konferenz-Kollegen) sehr dunkel und trübe und menschenarm sein. So wie in diesem Viertel, in dem ich buchstäblich festhänge. "Ich will hier raus!", denke ich und zwänge meinen Kopf durch den schmalen Spalt zwischen Plexiglas und Dach des U-Bahnabstiegs, in dessen Katakombe ich eingesperrt wurde. Nichts zu wollen, ich passe da nicht durch. Kein Weg ins Freie. Dass inzwischen keine U-Bahn mehr fährt, war mir schon klar. Schließlich habe ich die letzte, der ich meine geschätzten YUST-Kolleginnen entsteigen zu sehen hoffte, gerade an mir vorbeirauschen sehen. Die YUST-Kolleginnen scheinen, da sie über einen Stadtplan  verfügen, bemerkt zu haben, dass der Ort, den uns beim Umsteigen ein Bahnangestellter empfohlen hat, um zur Fudan-Uni zurückzukommen, rechtzeitig bemerkt zu haben, dass dieser Ort viel zu weit entfernt liegt von unserem Hotel. Ich hatte diesen Erkenntnisprozess noch vor mir. Und nachdem ich mal wieder orientierungslos drauflosgelaufen war, schwante mir alsbald, dass es doch  besser wäre umzukehren, sich noch mal in die immer noch beleuchtete U-Bahn-Katakombe hinabzubegeben und sich da, wo der U-Bahnplan hängt, auf halber Strecke zu den Bahnsteigen, noch mal einen Überblick über die Gesamtlage hier zu verschaffen. Als ich dann aber die Treppe wieder emporstieg, tja, da waren auf einmal die Rollläden unten. Da hat mich jemand hinterrücks hier unten eingesperrt! Ich renne von Ausstieg A nach B und gröle "Bedienung!", ich öffne Türen, an denen man sonst achtlos vorbeiläuft, finde aber niemanden. Nun stehe ich hier oben und spähe so halb über die Plexiglaskante nach draußen wie ein blinder Passagier durchs Bullauge unter Deck, nur dass ich statt trübem Meer trübe Schanghaier Nacht sehe. Sinnlos rumgeschraubt und mich dabei eingesaut habe ich auch schon, aber an der Plexiglaskante löst sich außer einer Schraube nichts. Ich habe gewissermaßen eine Schraube locker, tolle Aussichten! Ich schreie einen Radfahrer und noch einen an, ob er mir mal helfen könne. Einer blickt sich kurz um und fährt dann irritiert weiter. Ich erlebe, was landauf, landab soeben für einen Aufschrei der Empörung gesorgt hat: mangelnde Hilfsbereitschaft, weil man doch zu dem Betfoffenen "keine Beziehung" habe. Im Fall, der für Schlagzeilen sorgte, war der Betroffene ein zweijähriges, vom Auto überfahrenes Kind, das seinen Verletzungen erlag. Doch da! Zwei junge Männer, die direkt auf Augenhöhe an mir vorbeischlendern, sind zu nah, als dass sie einfach weitergehen könnten. Ich frage, ob einer von ihnen ein "shouji", ein Handgerät habe, wie hier Mobiltelefone heißen. Das ist in China ja eigentlich eher eine rhetorische Frage. Die Jungs gucken irritiert. Vielleicht sei auf der anderen Seite offen, schlägt man mir vor. Ich verneine. Da müsse doch unten einer sein. Ich verneine erneut.  Ja, wollen die mir nun helfen oder nicht?
Mitternacht vorbei. Und ich sitze also mal wieder in der Tinte. Dabei hatte alles so schön begonnen: Mit meinen YUST-Kolleginnen Ursula und Bettina war ich mitten im leuchtenden Schanghai, im Glimmer-Viertel Pudong (hier stehen dicht an dicht einige der höchsten Wolkenkratzer der Welt), auf Einladung der Ex-YUST-Studentin Hongzhen gemütlich essen gewesen - direkt neben dem großen Fernsehturm (siehe Foto). Dann wurde es, wohl aufgrund der ausgeuferten Knipserei, am Schluss etwas knapp mit dem U-Bahn-Anschluss. Denn in Schanghai endet das Weltstadt-Gehabe gegen 23 Uhr. Dann stellen viele U-Bahnen den Betrieb ein, die zur Fudan-Uni, wo wir hin müssen, sogar schon etwas früher. Pech für uns. Ein Angestellter verwies uns auf jene Station, in der ich jetzt eingesperrt bin. Wir sputeten uns, um zum Bahnsteig zu gelangen. Vor mir begannen einige Chinesen zu rennen. Ich rufe nach hinten: "Die laufen alle. Wir sollten auch mal laufen." Denn die Einheimischen wissen vermutlich besser als wir, wann man sich beeilen muss, um die letzte U-Bahn noch zu erwischen. Als ich unten bin, hält tatsächlich gerade ein Zug, hat die Türen just geöffnet. Ich blicke mich um. Meine Kolleginnen habe ich offensichtlich abgehängt. Dabei bin ich nicht mal schnell gelaufen. Nur bisschen getrabt. Ich stelle mich in die Tür, um den Zug noch ein paar Sekündchen aufzuhalten, falls sie nun zumindest atemlos auf der Treppe auftauchen sollten - wo bleiben die nur? -, dann ertönt das Signal zum Türenschließen. Rein oder raus?, denke ich, bleibe dann aber drin. Soll ich meiner Schwestern Hüter sein? Wie der geneigte sin-o-meter-Leser inzwischen weiß, habe ich die vorletzte U-Bahn erwischt, aber was aus meinen Kolleginnen geworden ist, ob sie die letzte oder ein Taxi genommen haben, werde ich nie erfahren. Denn morgen wird keine von ihnen mehr mit mir reden als unbedingt notwendig.
Nur eines ist sicher: Später als ich sind sie nicht im Hotel angekommen. Denn eine halbe Stunde habe ich in den Katakomben verbracht, ehe plötzlich tatsächlich von unten ein U-Bahn-Angestellter auftaucht, den offenbar einer der beiden Passanten telefonisch informiert hat, die ich angehalten habe. Wieso hat der mich denn eben da unten nicht rufen gehört?!? Die Jalousie geht also hoch, ich bin frei. Doch jetzt habe ich noch einen endlos langen Marsch vor mir, ohne Stadtplan, durch eine Stadt, die ich nicht kenne, die 16 Millionen Einwohner hat und in der bei Nacht auch alle Straßen grau sind. Ich orientiere mich an Straßenschildern, die glücklicherweise hier in Schanghai - tolle Idee! - an jedem Ende eine Himmelsrichtung angeben, und erreiche nach ca. 45 Minuten Fußmarsch durch die Schanghaier Nacht die Tongji-Uni und wenig später, gegen eins, halb zwei, die Fudan. Wie gut, könnte man jetzt eigentlich sagen, dass ich mich noch mal unten in der U-Bahnstation über meinen genauen Standort im Verhältnis zu der Station, wo ich normalerweise ausgestiegen wäre, vergewissert habe! Man könnte aber auch sagen: Wo mein Orientierungssinn versagt, kann ich mich immer noch auf die Gnade Gottes verlassen, die selbst meine Dusseligkeit noch überragt.

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