Sprachliche Herausforderung
Nachdem ich der U-Bahn entstiegen bin, sehe ich, wie auf der anderen Seite der Bus D1 gerade abfährt, der mich zum Xianlin-Campus der Nanjinger Pädagogischen Hochschule (Nanshida) bringen soll, wo ich heute Abend einen Vortrag zum Thema "Leben und studieren in Deutschland" halten soll. Ich flitze, so schnell wie das der halbe Zentner Broschüren und Info-Material zulässt, die ich mitschleppe, über die Straße, winke dem beschleunigenden Bus zu; der ignoriert mich, wechselt auf die linke Spur und fährt an mir vorbei. Hinter mir aber ist die Ampel gerade rot geworden, an der Kreuzung muss er halten. Die Dauer der Rotzeit wird in China von den Ampeln in Sekunden angezeigt. Ich habe eine halbe Minute. Ich eile dem Bus hinterher, klopfe energisch an die Tür. Der Fahrer schaut mich durch die Scheibe unwillig an. Ich hebe meine schwere Tasche hoch, tippe mit meinem rechten Zeigefinger auf meine Armbanduhr. Die Tür geht auf. Der Bus ist proppevoll und es ist schweineheiß. Mein film-o-meter-Moderatoren-Jackett wird zur Belastung. Doch niemand wird allen Ernstes von mir verlangen, dass ich in dieser Stadt noch mal ein Taxi nehme. 
Am Eingang der Nanshida erwartet mich Felix, der freundliche Kollege vom Bosch-Lektorenprogramm. Wenig später trifft Frau Chen ein, die Chefin der hiesigen Deutsch-Abteilung, eine frühere Professorin der Uni Nanjing, die den Vortrag für mich organisiert hat. Es erscheinen fast sechzig Studenten. Frau Chen fordert mich heraus, den Vortrag auf Chinesisch zu halten, da Englisch den meisten Anwesenden nicht so geläufig sei und ihr Deutsch auch noch nicht so gut entwickelt. Am Ende wird es ein chinesisch-englischer Vortrag mit gelegentlichen Ausrutschern ins Deutsche. Keine einzige Broschüre bleibt zurück. Selbst die Landkarte von Deutschland, die sich mitten im Vortrag von der Wand gelöst hat, ist am Ende spurlos verschwunden. Mit dem überladenen D1 gibt es kein Wiedersehen: Felix, dessen Unterkunft ebenfalls im Stadtzentrum liegt, und ich werden von einem weit fortgeschrittenen Studenten mit Deutschlanderfahrung und Auto zur nächsten U-Bahn-Station chauffiert.