Der Junge mit den Geldhosen
So hieß vor über drei Jahrzehnten ein Kinderfilm in der ARD. Anders als bei mir haben sich dessen Hosentaschen von allein mit Geld gefüllt. Aber auch ich habe heute eine dicke Tasche. Mir wurden nämlich vorgestern im Fünf-Sterne-Grand-Hotel von Nanjing über 27.000 Yuan (die höchst chinesische Banknote ist ein 100-Yuan-Schein) von Gästen aus Schanghai ausgezahlt, nachdem die Überweisung meiner Auslagen für die legendäre Kinder-Uni (sin-o-meter berichtete) auf mein Konto mehrfach gescheitert war, weil der Name des Empfängers nicht stimmte. Mein Gehaltskonto habe nämlich nicht ich eröffnet, sondern die Uni, aber unter welchem Namen, das wird wohl nie vollends geklärt werden können. Mir wurde damals die Karte einfach in die Hand gedrückt, das ist in China so Usus, und ich kenne - absurditas absurditatum - bis heute nur die PIN. Die reicht aber, um mein Konto, wie ich beschlossen habe, in Kürze leer zu räumen (Zinsen gibt es da ja auch nicht). Zwei Tage lang lag meine graue Postbüx mit dicker Tasche in meinem Zimmer herum. Bis heute: dem Tag, an dem ich das Abenteuer Kontoeröffnung wage.
"English speaking counter" steht da zwar an der Scheibe des Schalters, hinter dem eine junge Dame in Post-Uniform (kein Gelb!) mich immer wieder gequält anlächelt, aber das Formular spricht leider nur Chinesisch und erst das dritte Exemplar kann angenommen werden, wie mir die junge Dame, die mit ihrem Lächeln wohl über das leere Versprechen mit dem "English speaking counter" hinwegzutäuschen versucht, verständlich macht. Endlich stehen mit Hilfe der Kollegen um sie herum Name, Vorname und die Passnummer im richtigen Feld und alle haben begriffen, dass ich ein Festgeldkonto für 3,5 Prozent Zinsen möchte. Etwa eine Stunde - vom Ziehen der Nummer (wie beim deutschen Arbeitsamt!) bis zum Empfang des Postsparbuchs - bringe ich vor den Schaltern zu, um bei der chinesischen Postbank mein erstes eigenes Konto zu eröffnen. Aber am Ende ist es geschafft und ich kann spürbar erleichtert meiner Wege ziehen. Ich habe noch viel vor: im Goethe-Sprachlehrzentrum für die Weihnachtsfeier der Deutsch-Abteilung nächsten Freitag werben und zwei zerschlissene film-o-meter-Hosen zur Schneiderei bringen, um sie für umgerechnet fünf Mark reparieren zu lassen. Meine Geldhose will schließlich auch mal Urlaub haben und im Schrank liegen.