Wie die Jungfrau...
Wie die Jungfrau zum Kind - und das passt ja irgendwie zu Weihnachten -, so bin ich an Konzertkarten für eine Darbietung mit regionalen Spitzensopranistinnen der hiesigen Musikhochschule gelangt. Meine Chefin hat sie besorgt. Ich treffe Michael Roes (siehe letzter Eintrag), in ein Mittelding zwischen Armee- und Trekking-Anzug gehüllt, und den ebenfalls des Deutschen mächtigen Professor Wu, der für irgendwelche internationalen Kulturprojekte zuständig ist, am Südportal der Uni und muss - großes Zähneknirschen - in ein Taxi steigen, das ich aber wenigstens nicht bezahlen muss. Das übernimmt Professor Wu. Vor dem Konzertsaal treffen wir meinen jungen Kollegen Li mit seiner Mutter.
Vorne gibt die chinesische Ausgabe von Bianca Castafiore alles (inklusive Kleider- und Frisurwechsel in der Mitte des Konzerts). Ich sitze ziemlich weit vorne neben MIchael, der mir, obwohl ich den Autor von 18 Romanen gerade gefragt habe, ob sein neuestes Werk sein Debüt sei, im Taxi das Du angeboten hat. (Sind wir nicht alle Künstler irgendwie?) Ich ärgere mich mit ihm über die brabbelnden Blumenmädchen hinter uns und staune mit ihm über die nicht enden wollenden Fluten üppigster Blumensträuße, die die Sopranistinnen, also Maestra Castafiore mit ihren Schülerinnen, am Ende der hoch tönenden Veranstaltung (und auch schon davor) von eifrigen Anhängerinnen überreicht bekommen. "Da werden Erinnerungen an die Hitparade wach!", raune ich Michael zu, der die ganze Zeit grinsen muss. Am Ende häufen sich so viele Blumen um die Maestra herum an, dass man die Musikinstrumente des gesamten Orchesters mit ihnen aufwiegen könnte.
Als der Professor und Michael sich anschicken in der Kälte am Straßenrand ein Taxi heranzuwinken, melde ich mich mal kurz und schmerzlos ab: "Ich geh zu Fuß." Ich habe keine Lust, die Hintergründe meiner Taxiphobie zu erklären. "Zu weit!", meint der Professor. "Ach", erwidere ich, "in einer Stunde bin ich bestimmt zu Hause." Es werden dann aber doch nur 45 Minuten. Ich stoße unterwegs auf Bus Nr. 6.