Odyssee mit Nina
Nina (23) ist für ungefähr drei Monate in Schanghai und macht ein Unterrichtspraktikum, und Nina sollte Recht behalten. Nach dem unerwartet in die Länge gezogenen und also gar nicht so kurzen Kurzfilmfest des Goethe-Instituts (schuld daran war das recht appetitliche Büffet nach der Filmvorführung und mein Wiedersehen mit dem Dokumentarfilmer und Medienkunst-Professor Lothar Spree, dessen Gastprofessur in Schanghai nach fünf Jahren dieses Jahr zu Ende geht und den ich 2004 in Hangzhou kennen gelernt hatte) hatten wir uns gerade an der U-Bahn von Hongzhen verabschiedet, da meinte Nina: "Hoffentlich kriegen wir noch'ne U-Bahn!" Großkalibrig antworte ich: "Also, da mach' ich mir ja nun überhaupt keine Sorgen." Prompt werden wir beim Umsteigen Richtung Tongji des Feldes verwiesen. Halb elf und in der größten Stadt Chinas fährt keine U-Bahn mehr zur Uni! Es gebe aber einen Bus Nr. 123, wird uns gesagt. Also auf! An der ersten Station in der uns gewiesenen Richtung steht eine Menschenschlange, aber der Bus, in dem sie sich kurz darauf auflöst, fährt nicht zur Uni. Weiter hasten wir durch die Nacht. "Lost in transition", witzele ich. Notfalls könnte man ja auch ein Taxi nehmen, aber das ist unsportlich. Wir bekommen die Richtung wieder gewiesen, wieder viele Leute, wieder keine 123. Wir hasten weiter. Als die nächste Station in Sicht kommt, liest Nina: "123!" Da ich kein Kleingeld habe, schenkt mir Nina ihre letzten Maos (chines. Cent), das Geld lasse ich in den Kasten beim Fahrer klimpern, der wohl gerade irgendwo draußen eine raucht. So merkt er nicht, dass mir vier Maos zum Fahrpreis fehlten... Um Mitternacht stranden wir in einer auf Westlich getrimmten Bar, wo Ninas Freundin Jenny zwei feschen Typen gegenüber sitzt. Außerdem dabei: eine Deutschfranzösin, die in der Nähe von Annecy geboren ist und im Wohnblock neben dem von Sabina wohnt. Sie übernimmt es, da sie sowieso heim möchte, Nina abzulösen und mich zur Unterkunft auf dem Wohnheimgelände der Uni zu lotsen. Unterwegs kaufe ich geistesgegenwärtig noch schnell Zahnpasta, damit ich nicht schon wieder Sabinas teure Sensodyne benutzen muss. So viel Zeit muss sein! Endlich am Ziel finden wir beide verrammelte Eingangstüren vor und müssen über das nebenan gelegene Gästehaus erst noch den Schlüsseldienst herbeirufen lassen. Reichlich erledigt versinke ich in Sabinas Wohnzimmercouch, meinem Nachtlager.
Und so hatte der Tag zehn nach acht begonnen: Sabina scheint auch nicht so der Frühaufsteher zu sein und hätte fast verschlafen. Fünfzehn Minuten bleiben für Frühstück und Morgentoilette. Eigentlich wollten alle mit der U-Bahn fahren, aber bis auf Nina und eine andere Kollegin, die uns später mit Karte sicher ans Ziel führen wird, sind die anderen schon mit dem Taxi zum Deutschlehrertag gefahren. Die Fortbildungsveranstaltung des Generalkonsulats in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut findet in dessen Sprachtrainingscenter statt. Einige Verlage stellen ihre Lehrwerke aus und das Ganze beginnt mit einem Vortrag über verschiedene Intelligenztypen und Lernsysteme. Das mit den unterschiedlichen acht oder neun Intelligenzen (intrapersonale, interpersonale [über sich selbst und andere reflektieren können], mathematisch-analytische, räumliche, sprachliche, naturalistische und ein paar andere, die ich vergessen habe) finde ich sehr aufschlussreich; schließlich kriege ich bei klassischen Intelligenztests immer eher unbefriedigende Leistungen bescheinigt, weil ich für die Lösungen immer zu lange brauche. Umso ärgerlicher, dass mir wenig später die Tasche mit dem Skript zum Eingangsreferat und einigen wichtigen Notizen gestohlen wird, als ich auf Klo bin. Die Seminare zum Lernen empfinde ich ob einiger gruppendynamischer Übungen z.T. als etwas kindisch. Die chinesischen Teilnehmer(innen) sind umso begeisterter. Aber, apropos Chinesen, wo ist eigentlich Hongzhen (im Bild ganz unten im Hintergrund zu sehen)? Ich hatte doch meine Ex-Studentin zwecks Wiederbegegnung mit mir und anderen Deutschen herbestellt. Ich bitte Sabina um ihr Mobiltelefon und klingele in der Pause mal durch: "Wieso bist du noch nicht hier?" Wenig später ist sie da, findet mich aber nicht, weil ich schon wieder in so'ner Werkstatt komische gruppendynamische Übungen mache. Als sie mich in der Pause dann doch zufällig entdeckt, stecke ich sie selbst in so eine Gruppe, wissend, dass ihr so was gefallen wird. Und ich behalte Recht.
Am frühen Abend stoßen Hongzhen und ich dann wieder zu den üblichen Verdächtigen. Wie finden wir die? Auf Hongzhens Telefon ist durch meinen Anruf bei ihr Sabinas Telefonnr. gespeichert. Die kleinen Dinger sind doch praktisch! Sabina hat sich mit einigen DAAD-Kolleginnen und dem Kollegen Rainer ins Restaurant gegenüber begeben. Zum Filmabend gehen aber schließlich nur Nina und Hongzhen und ich, weil die anderen zu müde sind. Sabina muss außerdem am morgigen Sonnabend unterrichten (ebenfalls wegen der Feiertagswoche), und das schon um acht! Weil Hongzhen sich in der Richtung irrt, als wir aus der U-Bahn kommen, sind wir eine halbe Stunde zu spät. Wir kriegen im Vorführraum, der alles andere ist als ein Kinosaal, nur noch Plätze auf dem Boden (meine armen Kniee), haben aber nur zwei Filme verpasst. Fazit: Nicht ein einziges Mal habe ich es an diesem Tag irgendwohin pünktlich geschafft.