Unter Tage
Sabina, seitenverkehrt, ist das Erste, was ich nach dem Aufstehen zu sehen bekomme. Sie lugt vorsichtig seitlich durch die gläserne Wohnzimmertür, ob sich schon was regt. Danach sehe ich nicht mehr viel von ihr. Sie muss zum Unterricht. Ich schlafe noch eine Runde weiter und mache mich gegen 11 Uhr auf den Weg zum Bahnhof, wo ich Punkt 12 Hongzhen und Fenghua treffen soll. Zwar erreiche ich mit der Untergrundbahn fast rechtzeitig das Ziel, aber dann verliere ich die Orientierung, glaube, dass ich am falschen Ende des Bahnhofs herausgekommen bin, weil ich nichts wiedererkenne. Ich kehre um, lande auf der total öden Nordseite, wo eine Baustelle ist, gehe wieder unter Tage, tauche wieder auf, wieder Ödland, lande auf der unterirdischen Optikermeile: Menschen, Brillen und Linsen, soweit das Auge reicht. 25 Minuten später bin ich dann durchgeschwitzt wieder am Ausgangspunkt, aber von Hongzhen und Fenghua natürlich weit und breit keine Spur. Ich setze mich auf die Metallreling vor dem Fahrkartenverkauf und denke an die zig Male, wo ein verabredetes Treffen mit mir bereits gescheitert ist. Da stehen sie auf einmal vor mir. Fenghua habe mich als Erste entdeckt, bekundet eine sehr erleichterte Hongzhen fröhlich. Fenghua hat eine gewaltige neue Brille auf, als sei sie selbst gerade unter Tage bei den Optikern gewesen. Ein Glück!

Zum Dank für den unerwarteten (?) Stress lädt Fenghua (im Bild links) alle zum Essen ein. Vorher kaufe ich noch das Billett; dabei muss ich mich in die Reihe neben mir schieben, weil kurz vorm Ziel der Schalter mit meiner Schlange Mittagspause macht. Ein wenig begeisterter Herr, der gerade noch vor mir war, greift mir energisch an die Schulter, aber ich bin ja der Mann mit der Stahlschulter, das kann er nicht wissen. Beim Abschied überreicht mir Fenghua noch ein Tütchen mit Schokoladenartikeln vom Feinsten. Lehrer ist man eben immer. Das ist wie mit Eltern, die bleiben es auch bis ans Ende ihrer Tage. Und wenn sie (offiziell) nicht mehr im Dienst sind, sind sie die Besten!