Rohrkrepierer
Meine Naivität kennt mal wieder keine Grenzen, als ich mich eine Stunde vor dem Start eines Busses nach Huangshan, den legendären Gelben Bergen im Süden der Provinz Anhui, von meinem Domizil auf den Weg mache. Eine Viertelstunde geht noch drauf, weil ich einen wichtigen Brief mit meinem Arbeitsvertrag nach Peking schicken muss. Fünfzehn Minuten braucht die Schaltertante mit studentischer Hilfe, um meine englischen Buchstaben zu entschlüsseln und tauglich für den Sino-Versand zu machen. Schaffe ich es wohl noch zeitig bis zum Busbahnhof? Bei dem Massenauflauf am Bahnhof (gleichzeitig U-Bahn-Station) dämmert mir schon: Das wird knapp. Zusehends verbreitern sich die Ströme in Richtung Busbahnhof. Halb China ist unterwegs. Auf dem Platz vor dem Busbahnhof: ein einziges Gewimmel von Menschen. Ich muss in eine lange Schlange. Wenige Minuten vor Abfahrt des Busses, den ich eigentlich nehmen wollte, habe ich eine Fahrkarte ergattert: für morgen Abend 19.30 Uhr. Früher gab es nichts mehr! Mein Plan, mal eben schnell mit Sack und Pack auf Tour zu gehen: ein echter Rohrkrepierer. Eigentlich hätte ich es wissen müssen...
Also ein Urlaubstag in Nanjing. Ich wandere die Außenseite der gewaltigen, sechs bis sieben Meter hohen Stadtmauer, mit über 30 km eine der längsten erhaltenen Chinas oder sogar der Welt, entlang: Vor mir liegt der herrliche Xuanwu-See, eine Art chinesische Außenalster mit vier Inseln, die man über Dämme und Brücken erreichen kann. Herrlich, wie die das immer machen! Den Park verlasse ich an der Stelle, wo wir die Stadtmauer schon am 13. September besichtigt haben. Mein Orientierungssinn erwacht eigentlich erst jetzt, wo ich die Stadt auf eigene Faust erkunde. Zum Glück ist es nicht mehr so heiß und ich bin mit meinem ersten Ferientag eigentlich noch ganz zufrieden. Immerhin ist der Brief weg!