"George Clooney und ich"
Ich habe scheinbar mal wieder mehr Glück als Verstand: Schon der dritte oder vierte Versuch, eine Bleibe zu finden, ist von Erfolg gekrönt! Wild gestikuliert und schreit die junge Frau vom Empfang und führt mich in ein fensterloses Loch mit offenbar schon benutzter Bettwäsche und seltsamerweise nur rotem Licht als Beleuchtung. Aber ich bin natürlich zu müde um lange rumzulamentieren, das weiß die Hektikerin auch. Die umgerechnet zehn Euro sind, gemessen an meinen bisherigen Erfahrungen, der reinste Wucher. Für so was zahlt man normalerweise ein Viertel davon, aber es ist Ferienzeit, alles ist belegt und ich bin hundemüde.
Das setzt sich auch am nächsten Tag fort, an dem ich aber erst mal Stress mache und dafür sorge, dass vernünftiges Licht eingebaut wird, ich frische Bettwäsche bekomme und alles etwas wohnlicher wird. Dafür soll ich nun, es ist ja der eigentliche Nationalfeiertag, 150 Yuan bezahlen, also 50 Prozent Aufschlag! Das verstehe ich natürlich überhaupt nicht und verhalte mich auch so. Ich zahle erst mal hundert und stelle vage in Aussicht, den Rest später zu begleichen, wozu es natürlich nie kommen wird. Die Hektikerin hat damit ihr Gesicht behalten und ich mein Geld.
Gleich nebenan ist eine Jugendherberge mit englischsprachigem Personal und vielen ausländischen Gästen. Die waren heute Nacht überfüllt. Aber jetzt reserviere ich mir ein Zimmer für die Nacht auf Freitag. Es kostet nur die Hälfte, allerdings werde ich das Zimmer mit fünf anderen Gästen teilen müssen. Eine Rückfahrkarte für den Nachtzug nach Nanjing habe ich auch schon erworben. Ich musste nicht mal Schlange stehen!
Am Nachmittag schaue ich mir Huangshan-Stadt an. Unten am Fluss ist ein Volksfest mit den üblichen Wurstständen und Provinz-Jahrmarktsattraktionen. Immer wieder werde ich mit "Hollo?!" angesprochen. Hier in der Provinz ist es wieder schlimmer als in der Großstadt und zugleich ist das ja das Schöne an China: dass man sich immerfort fühlen darf wie Brad Pitt oder George Clooney, wenn die sich irgendwo in der Öffentlichkeit zeigen. Abgesehen davon, dass die ja in dieser Gegend auch nicht viel bekannter sind als ich, kennen sie das bestimmt auch, dass sich Menschen in ihrer Gegenwart einfach nicht mehr normal verhalten, auch wenn sie sich nicht trauen, das Wesen vom anderen Stern, das ihnen das unberechenbare Schicksal da über den Weg laufen lässt, direkt anzusprechen. Erst mal - in ungefähr 25 Prozent der Fälle - wird immer getuschelt: "Guck mal der Ausländer da!" ("Guck mal, ist das nicht der Clooney?"). Wer ahnt denn schon, dass Clooney Chinesisch versteht, der hat doch andere Sorgen. Fast ebenso häufig werfen Menschen, vor allem der jüngeren Generation, ihrem chinesischen Gegenüber unvermittelt die paar Brocken Englisch an den Kopf, die sie beherrschen: "Thank you!", "Oh, very nice!" oder so. ("Zeigen wir dem Clooney mal, dass wir Englisch reden können, dann gibt er uns vielleicht von sich aus ein Autogramm.") Und dann kommt es bei den ganz Mutigen - morgen mehr dazu - auch immer wieder, aber alles in allem doch selten zu den klassischen Promi-Urlaubsbildern. ("George Clooney und ich auf dem Gipfel des Huangshan-Gebirges.") Ja, so fühlt es sich an, in der Öffentlichkeit immer erkannt zu werden! Oder doch immer öfter. China ist eben ein Land, das sich rasant entwickelt!