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Freitag, 03. Oktober 2008

Hongcun, die Horden und ich
Von DM, 23:59

Natürlich merke ich meine Kniekehlen auch noch heute Morgen auf dem Weg nach Hongcun. Erst mal muss ich zur Bank. Der gestrige Tag hat ein gewaltiges Loch in meinen Reisegeldbeutel gerissen. Ich frage einen Passanten und habe die Visitenkarte von Herrn Wang An Ping in der Hand. Die Bank finde ich auch.
Die Reise, vorbei an abgeernteten Reis- und Maisfeldern, auf denen die Wasserbüffel sichtlich froh sind endlich eine ruhigere Kugel schieben zu können, dauert ca. eine Stunde. Dann – und jetzt heißt es, Mini-Budget-Reisende aufgepasst – steige ich am  Busbahnhof einer charismalosen Kleinstadt aus und denke: Das ist jetzt aber noch nicht Hongcun, oder? Wo sind die malerischen Bauten? Ich gehe zum Fahrkartenschalter und frage nach einer Karte für Hongcun. Ja, sagt die Tante, einmal rechts um die Ecke. Draußen an der Ecke treffe ich eine Gruppe junger Leute aus dem Bus wieder, die auch nach Hongcun wollen; aber erst mal, es ist halb zwölf, wolle man was essen. Ein Mädchen aus der Gruppe zeigt mir, dass der Bus an der Kreuzung hinter der Brücke über den Fluss schon warte. Zwei Yuan. Ich überquere also die Brücke, da wartet wirklich ein Bus. Ich steige ein, entrichte meinen Fahrpreis und lande – und jetzt heißt es, Mini-Budget-Reisende, die ihr via Google auf diese Seite gestoßen seid, weil ihr Huangshan+Unterkunft+China oder Hongcun+Urlaub+billig eingegeben habt, doppelt aufgepasst –, also, ich lande an einer Stelle (zweite Brücke über den Fluss nach Ortseingang), wo weit und breit keine Eintrittsgebühr für dieses Weltkulturerbe zu entrichten ist. Schon der 40-Mark-Berg gestern hatte ja gewisse Verstimmungen bei mir ausgelöst und nun stelle man sich vor, man soll 16 Mark (2 % eines gehobenen Monatsgehalts in der Volksrepublik) Eintritt zahlen, damit man Bad Wimpfen oder Rothenburg ob der Tauber betreten kann! Und wie will man das eigentlich sicherstellen? Die Stadt mit Checkpoint-Charlie-Häuschen umzingeln? Ob das so einem Städtele nicht manches von seinem diskreten Charme rauben könnte? Nicht anders ist es hier.

Ich flaniere durch die Stadt, treffe auf eine uralte, 1,40 Meter große Frau, die für ihre wohlschmeckenden Maronen oder irgendwelche Nüsse berühmt ist (genau habe ich das nicht verstanden, ich weiß auch nicht was „Nuss“ auf Chinesisch heißt, weil ich keine Nüsse mag), betrete einen Ortskern mit Fischteich, gesäumt von historischen Bauten zumeist aus der Qing-Dynastie, und ein Maler mit langen Zotteln, der in Peking Kunst studiert hat, lädt mich in seinen kleinen Ausstellungsraum voller geheimnisvoll-düsterer Gemälde ein. Eines hat er gerade im September fertiggestellt. Gleich mehrfach überschreite ich die Brücke über den so genannten Südsee, der am inneren Rand mit Lotospflanzen überwuchert ist und am äußeren von einer Promenade gesäumt wird, der Bäume reichlich Schatten spenden. Diese Ortschaft ist die ideale Entspannungsübung nach einem anstrengenden Tag. Nachdem ich mich gestern in meine Einzelteile aufzulösen drohte, empfinde ich mich heute wieder als Einheit, Tag der deutschen Einheit eben.

Auf der anderen Seite des Sees, wo das Weltkulturerbe endet, sehe ich Horden von Chinesen mit knallroten Unisex-Baseball-Kappen, die, vom offiziellen Touri-Parkplatz kommend, in das Örtchen einfallen, und alle haben sie dieses Kärtchen in der Hand, auf dem steht, dass sie umgerechnet 16 Mark für das bezahlt haben, was ich auch gerade tue.
Das alles genieße ich bis vier Uhr, dann geht’s auf die gleiche Weise zurück. Ich esse in einem Hamburger-trifft-chinesische-Esskultur-Restaurant (und entscheide mich diesmal für den Hamburger). Als ich meinen Rucksack aus der Jugendherberge holen will, wer steht da auf einmal vor mir? Michael, der auf dem Huangshan irgendwo wild gezeltet hat und natürlich nichts Besseres zu tun hat, als mir zu berichten, dass ich ja den besten und einsamsten aller Gipfel auf dem Huangshan, den nicht gesperrten Himmlische-Stadt-Gipfel (1810 m) verpasst habe. Vielen Dank, das war genau das, was ich jetzt gebraucht habe. Ich muss also wiederkommen. Kurz nach neun betrete ich den Bahnhof, um den Nachtzug um 21.44 Uhr nach Nanjing zu erreichen, in dem ich einen Liegeplatz gebucht habe.

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