Geisterbahn
Dummerweise kommt der Zug um zehn nach fünf schon in Nanjing an, da bin ich normalerweise im Tiefschlaf. Eigentlich sollte der Zug um 5.22 Uhr erst am Ziel sein! Da ich immer knapp kalkuliere, bin ich so überrascht, dass ich in Turnhose und Unterhemd und mit offenen Schnürsenkeln, aber immerhin mit all meinem Gepäck aus dem Zug steige. Noch ärgerlicher ist, dass um die Zeit die U-Bahn noch nicht geöffnet ist. Vor der Treppe lagern schon etliche potenzielle Passagiere. Auch draußen auf dem Platz vor dem Bahnhof (er liegt am Xuanwu-See) lagern sich die Reisenden. Ich entdecke draußen einen Fahrstuhl, der zur U-Bahn führt. Sesam öffnet sich und ich finde mich in einer unterirdischen Geisterstadt wieder: keine Seele weit und breit! Ich komme mir vor wie Will Smith in „Ich bin Legende“. Selbst der Durchgang zum U-Bahnsteig, wo ich normalerweise meine Fahrkarte einführen muss, steht offen. Ich bin so allein, dass ich mich sogar völlig hemmungslos umziehen kann. Die erste U-Bahn ist schon angekündigt, fährt in zehn Minuten, aber in die falsche Richtung. Ich denke, ich steige trotzdem da ein, denn die Endstation ist nur zehn Minuten entfernt und ich kann ja dann dort in die andere Richtung wechseln, ohne eine neue Fahrkarte kaufen zu müssen. Aber – gespenstisch – der leere Zug kommt an, hält, piept, wartet eine Minute und fährt dann, ohne die Türen geöffnet zu haben, weiter: eine Geister-U-Bahn! Mit mir hat wohl keiner gerechnet. Der Kontrast zu den Menschenmassen, die sich in so einer U-Bahn normalerweise stapeln, könnte kaum größer sein. Jeder Gast in einem fremden Land kennt dieses beunruhigende Gefühl: Gibt es hier irgendwas, was alle wissen außer mir?
Endlich taucht ein Uniformierter auf. Scheint sich aber nicht groß zu wundern, dass ich vor ihm da bin. Diese Ausländer sind ja immer irgendwie anders, das kennt man schon... Wenig später kommen zu meiner Erleichterung die ersten Fahrgäste die Treppe herunter und als die U-Bahn in Richtung Uni auftaucht, gehen sogar die Türen auf: Geisterbahnsteig adé!