Kanzler, Kritik und Kompromiss
Diesmal ist der Gottesdienst in der St.-Paul-Gemeinde doch reichlich kurz, nur vierzig Minuten. Außer der Lebensmitteltrainerin von vor zwei Wochen gesellt sich diesmal noch die des Englischen nicht minder mächtige Lili zu mir, die gerade „End of the Spear“ liest, eine Geschichte über einen Missionar, der im lateinamerikanischen Dschungel die Mörder seiner Eltern traf und zum Glauben an Christus führte. Das Buch wurde von Christen in den USA verfilmt, hat es aber offenbar noch nicht nach Deutschland geschafft. Noch interessanter wird es, als ich den Pastor dieser registrierten Gemeinde kennen lerne, der sich über Gäste aus Deutschland (irgendein Bischof war wohl mal zu Gast) und Frau Merkel beschwert, weil die immer rummerkeln, äh, -mäkeln an China und so. Schröder, der mit den Chinesen fröhlich Bier getrunken habe, fand er besser. Ich denke, was hat der denn für Sorgen, und erkläre ihm (Lili übersetzt die kniffligen Stellen), dass Schröder der schlechteste Bundeskanzler war, den wir je hatten, und es beim Amtseid sogar ablehnte, die Formel „so wahr mir Gott helfe“ zu sprechen. Hm, da kommen wir nicht weiter. Aber Gott (!) sei Dank finden wir doch noch einen gemeinsamen Nenner: Die Bischöfe in Deutschland seien in wichtigen ethischen Fragen viel zu liberal und die Kirche sollte sich nicht zu viel um Politik kümmern, dafür gebe es ja schließlich die Politiker. Die kümmern sich allerdings in China auch um die Kirchen und werden, so erklärt Lili mir, immer dann nervös, wenn die Wirkungen des Heiligen Geistes zu sehr betont werden. Lieber Predigten über Rechtschaffenheit und Loyalität. Das kommt gut. Prompt ist der Nachmittag auch schon halb rum. Dabei war der Gottesdienst doch nur vierzig Minuten kurz.