Herr Li darf wieder ins Bett
Ich habe kaum ein Auge zugetan und muss zum Glück heute erst um zehn unterrichten, die letzte Nachholstunde aus der Ferienwoche. Schlapp, als hätte ich fünf Tage gefastet (ich weiß, wie sich das anfühlt), schleiche ich über den Campus. Dummerweise hat mein Kollege, Herr Li, ganz vergessen, dass er damals, an dem Samstag, als ich in Schanghai war, meine Stunden übernommen hatte. Er hat schon Beamer und alles aufgestellt, da stellt sich einer neben ihn: ich. Herr Li darf wieder ins Bett. Den Studenten ist im Prinzip egal, was sie heute haben. Noch. Aber gleich gibt es lange Gesichter: Ich habe nämlich bei der Bewertung der am Computer ausgedruckten Probeseiten für die Abschlussarbeit pro Rechtschreibfehler zehn Prozent abgezogen, sodass man mit fünf Fehlern durchgefallen ist. „Ja“, erkläre ich, „bei so wenig Wörtern fällt natürlich jeder Fehler mächtig ins Gewicht. Und welcher Professor eines Deutsch-Fachbereichs", frage ich, „will überhaupt noch eine Arbeit lesen, bei der in der Überschrift (Schriftgröße 18) das Wort deutsch 'duetsch' geschrieben ist?“ So wird die Abschlussarbeit zur Abschussarbeit.