Rumpelstilzchens Falschgeldaktion
Heute wurde mit einer Reihe von Vorträgen im Beisein des Generalkonsuls von Schanghai, des Uni-Präsidenten der Universität Göttingen, des Wissenschaftsministers von Niedersachsen und einiger äquivalenter Würdenträger von chinesischer Seite die hiesige Außenstelle der Universität Göttingen, der Partner-Universität der Universität Nanjing, eingeweiht. Rechtzeitig zum wie üblich üppigen und extrem schmackhaften Büffet am Mittag ist mein Magen wieder in Form gekommen. Ich saß neben einem Professor für Nordamerika-Studien und unterhielt mich mit ihm über LeClézio, den aktuellen Nobelpreisträger für Literatur, und die Reaktion der amerikanischen Autoren. Ehrlich gesagt ertappe ich mich ja manchmal bei dem Gedanken: „Hoffentlich entdeckt keiner, dass ich zwischen all diesen elegant gekleideten und hoch gebildeten Herren und Damen nur eine gigantische Falschgeldaktion bin, ein falscher Fuffziger, der hier eigentlich gar nicht reingehört!“ So wie Rumpelstilzchen: „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich außer hundert Seiten von Philip Roth (und das auch nur, weil ich die Verfilmung verpasst habe) keinen einzigen dieser Autoren gelesen habe!“ Mancher Gebildete könnte das schließlich für einen menschlichen Makel von einigem Ausmaß halten und im Fegefeuer der Eitelkeiten dieses elitären akademischen Zirkels würde man dann plötzlich als unbedeutender Jedermann dastehen. Naja, das sind so schwache Momente... Im Grunde sind die Damen und Herren mit den hohen Ämtern und eleganten Kleidern sogar froh, wenn sie beim Essen jemanden neben sich sitzen haben, der kein kommunikationsgehemmter Fachidiot ist, sondern ein einigermaßen eloquenter Normalo. Im Übrigen ist das mit dem Fachwissen so ähnlich wie beim Fußball: Es kommt immer darauf an, dass man im richtigen Moment den entscheidenden Pass spielt. Von all den anderen Pässen wird gar nicht geredet. Also gibt es auch keine Wissens-Engpässe.
Erheblich verspätet war übrigens am Vormittag der Minister für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen eingetroffen, hatte allerdings eine Erklärung parat, die das unzeitige Erscheinen im Nu vergessen ließ: Schuld sei Chinas rasche Entwicklung. „Mit dem rasanten Wirtschaftswachstum und den damit einhergehenden infrastrukturellen Veränderungen konnte unser Navigationssystem nicht Schritt halten“, so der Minister sinn- und sachgemäß. Auch der Zauber-Professor läuft mir gut gelaunt wieder über den Weg, wieder in schlichter Strickjacke. Mein Reden: Die wirklich wichtigen Leute pfeifen auf Etikette (ich trage übrigens Jeans). Er, Prof. Hong, lädt mich zu einem Vortrag ein zum Thema „Eine psychoanalytische Sicht des Films Hero von Zhang Yimou“ und bekennt zugleich, dass er den Film doof findet.
Die Studenten hatten unterrichtsfrei, um den überwiegend in deutscher Sprache gehaltenen Bei- und Vorträgen beiwohnen zu können: Fachsprache Deutsch. Das übt. Die Dekanin des Fachbereichs Fremdsprachen, eine Deutsch-Professorin, bald fünfzig, die mir mittwochs vom Bus aus immer fröhlich zuwinkt, damit ich den Platz neben ihr finde, referierte über den Begriff Interkulturalität, den freien Raum, der im Diskurs zwischen zwei Kulturen entstehe und in den man als Interkultureller sozusagen passen muss, sowie über den Aufbau des Doppel-Magisterstudiengangs, den Göttingen und Nanjing gemeinsam anbieten, um solche Pässe zu spielen. Die Leiterin der Abteilung Interkulturelle Germanistik am Seminar für Deutsche Philologie der Georg-August-Universität Göttingen, Frau Prof. Dr. Casper-Hehne, führte das Referat fort mit Anmerkungen zu den Zielen des Studiengangs: Es gehe vor allem darum, ein verlässliches Messinstrument zu entwickeln, an dem abzulesen sei, ob die angewandte Methodik greife und zweckmäßig sei, mit der bisher, zu oft, so ihre Kritik, im Rekurs auf Stereotypien, interkulturell gelehrt und gearbeitet worden sei. Zweifel an gängigen Prämissen der herkömmlichen interkulturellen Didaktik und Methodik seien angebracht. Das alles interessiert den durchschnittlichen Leser des sin-o-meters natürlich nicht die Bohne, aber das hier ist nun mal mein Tagebuch und ich muss den Text dann im Dezember für meinen Jahresbericht an die mich entsendende Organisation nur noch kopieren. Ich bin sicher, ihr versteht das.