Ehemaligentag
Heute war nach viel Routine wieder ein etwas aufregenderer Tag. Es begann damit, dass ich endlich den GoDi besucht habe, zu dem ich am ersten Wochenende hier vergeblich unterwegs war (siehe 14.9.). Er fand im fünften Stock eines Hotels statt. Inder, Afrikaner, Amerikaner, Briten, Deutsche – der Name „international Fellowship“ ist mehr als verdient.
Es ist der typische Kontrast, den man auch aus Deutschland kennt: Hier der GoDi im Freikirchenstil mit Lobpreisteil inklusive Keyboard oder Gitarre und Schlagzeug und einem stärkeren Akzent auf persönlichen Beziehungen, dafür ohne jedes Zeitgefühl (eine Predigt sollte nach meinem Dafürhalten 25 Minuten nicht überschreiten, es sei denn, Parzany oder Theo Lehmann oder Otto-Uwe predigt); dort, d. h. in der chinesischen Gemeinde, die eher landeskirchliche Prägung mit einem geraffteren und stärker ritualisierten Ablauf und Tasteninstrument statt Gitarre. Bei der Vorstellung der Neuen folgte ich auf Rita, die ich schon letzte Woche im chinesischen GoDi getroffen hatte. Sie wollte wohl auch mal was Neues ausprobieren. Am Ende traf ich dann sogar einen Deutschen. Nächste Woche werden alle Neuen eigens mit einem Mahl geehrt; da muss ich wohl noch mal hin. Und dann mal sehen, wo ich bleibe.
Wo ich am Nachmittag abbleiben würde, das war schon festgelegt: Ein Treffen mit der einzigen ehemaligen Studentin aus meiner Zeit in Yanji, die es beruflich nach Nanjing verschlagen hat, stand an. Wir trafen uns in der Einkaufsmeile am Konfuzius-Tempel. Ich wartete und wartete, aber wo blieb sie? Zum Glück hatte ich ja in Schanghai selbst durch Unpünktlichkeit geglänzt. Also tat ich heute Abbitte und nahm mir vor, mindestens so lange zu warten, wie ich in Schanghai die beiden jungen Damen hatte unschlüssig Ausschau halten lassen. Und siehe da, Jin Lan war schon nach 15 Minuten da! Ihre Reisezeit zum Treffpunkt mit dem Bus: eine Stunde und 15 Minuten. Großstadt. Wir gingen gemeinsam in einen dieser typischen chinesischen Parks: mit hoch gewölbten Brücken über schmale Wasserwege, deren Nass leider von kristallklar so weit entfernt ist wie Schanghai von Lhasa. Zu Bild und Ton so eines Parks gehören neben Pagoden oder kleinen Tempelanlagen mit den obligatorischen Räucherstäbchen auch Chinesen, die öffentlich ihrer Sangeskunst hingegeben sind. Ich erfahre, dass Frau Jin nicht nur heute und hier auf einem guten Weg ist, auch ihr Deutsch kommt nach zwei Stunden schon viel weniger stockend und das freut den alten Lehrer doch. In einem typisch chinesischen Restaurant der Marke Kentucky Fried Chicken lassen wir den Nachmittag traditionell chinesisch ausklingen.
Aber damit war der große Tag der Ehemaligen noch längst nicht zu Ende, denn als ich am Abend die Rainer-Werner-Fassbinder-DVD sichte, mit der ich irgendwann mal Deutschlands fünfziger Jahre illustrieren möchte, ruft mich Liu Chao an, eine Studentin des Jahrgangs 03, die sich ewige Sympathien bei mir erworben hat, weil sie mir zum Abschied meiner Zeit in Nordchina eines meiner chinesischen Leibgerichte an den Zug brachte. Sie hat das gar nicht so häufige Kunststück fertig gebracht, in einer deutsch-chinesischen Firma immer mit Deutschen zusammenzuarbeiten und auf diese Weise ihren deutschen Wortschatz beträchtlich zu verbessern. (Ihr Lieblingswort ist „wunderschön“.) Dass es ihr im Rahmen dieser Zusammenarbeit, die eine Zeit lang in einer Montagehalle für Zugteile erfolgte, wo z.T. raue Umgangsformen herrschen können, gelungen ist, die Vokabel Popolöcher als Alternative zu einem wesentlich gröberen, dort offenbar gebräuchlichen Ausdruck desselben semantischen Gehalts zu etablieren, zeugt nicht nur von einer gewachsenen sprachlichen Kreativität, sondern auch von dem nicht minder erfreulichen sittlichen Einfluss, den der befruchtende interkulturelle Austausch zwischen chinesischen Deutschlernern und deutschen Muttersprachlern wirksam werden lassen kann.
Solche und andere Berichte aus dem Alltag einer Ex-Studentin ließen die Fernsprechminuten sich verflüchtigen wie Tautropfen im Nanjinger Sommer, diese gar zu Stunden werden und den heutigen Tag schlussendlich als Ehemaligen-Tag in das sin-o-meter eingehen.