Unterwegs nach Purple Mountain
Heute ist der Zijin- oder Purpur-Berg dran. Er befindet sich westlich vom Xuanwu-See, den ich auf meinem Weg passiere, und ist Teil eines riesigen Naherholungsgebietes, in dem sich auch das Sun-Yat-Sen-Mausoleum befindet, das ich Mitte September (sin-o-meter berichtete) als Teil der Spezialveranstaltung für ausländische Lehrkräfte bereits besichtigen durfte. Das ganze Unterfangen ist im Grunde eine Miniatur-Ausgabe meiner Huangshan-Tour: Im Verhältnis zur Größe des Areals sind genauso viele Leute auf den steinernen Treppen unterwegs. Wie dort gibt es eine parallele Seilbahn für Faule und Fußkranke und einen tiefer gelegenen Antennengipfel, wie dort stellt sich mit zunehmender Dienstgipfelhöhe auch wieder der berüchtigte Clooney-Effekt (sin-o-meter berichtete) ein. In einem Rast-Pavillon finde ich mich unvermittelt in einer kichernden vierköpfigen Mädchengruppe wieder; die trauen sich noch nicht. Wenig später aber darf ich für eine gemischte Gruppe posieren (das peinliche Fragen übernehmen die Jungs). Oben auf dem höchsten Punkt, dem Purpur-Gipfel, treffe ich sie wieder. Eines der Mädchen hat das Kunststück fertig gebracht, ihr Kuscheltier, einen ca. einen Meter langen hellblauen Plüsch-Delfin, bis hierher auf dem Arm zu tragen. Das ist wahre Liebe! Immerhin sieht der Delfin mit seinen Knopfaugen ungefähr so viel von der Tiefe, die wir überragen, wie ich, denn heute ist ganz Nanjing in einen dichten Dunstschleier gehüllt.

Ich raste eine Zeit lang auf einer Treppe vor einem Pavillon. Unten auf dem Platz, den ich überblicke, amüsiert sich ein Trupp Ausflügler mit den üblichen Spielchen (sin-o-meter berichtete). Hinter mir kichert es schon wieder: Offenbar hat sich ein Mädel den Spaß gemacht, sich mit meinem Rücken als Hintergrund vor dem Pavillon ablichten zu lassen. Dann kommt ein Junge, wohl aus derselben Gruppe, die Treppe emporgestiegen, will ein Foto mit mir. Und kaum dass ich eingewilligt habe, husch, sitzt die Kichererbse auch schon neben mir. Clooney von vorne ist eben doch besser.
Ich sitze noch ein paar Minuten allein. Ehe dann aber die nächsten Kandidaten von unten kommen, geht es bergab mit mir. Doch auch unten im Tal, wo ich in einem Park, in dem viele Hunde, die gute Aussichten haben nie in einer Suppenschüssel zu landen, Auslauf haben, auf einem Felsen meine letzte Pause einlege, bin ich nicht lange allein: Ein ehemaliger Angestellter oder Beamter des öffentlichen Dienstes, Stadtverwaltung oder so, über sechzig und schon pensioniert, wie er mir erzählt, probiert an mir sein nicht ganz unangestrengtes Englisch aus. Jeden Satz kaut er einmal für sich vor, ehe er ihn an mich richtet. Hat was von Professor Hastig aus der Sesamstraße. Denn es entstehen minutenlange Gesprächspausen, in denen ich hilflos in die Luft gucke. Europäer können so was eigentlich nicht, solche Gespräche führen. Ich erfahre immerhin, warum der Berg heißt, wie er heißt, weil nämlich die Felsen oben eine braunrote Färbung haben. Ist mir gar nicht so aufgefallen. Da der rüstige Rentner nicht die geringsten Anstalten macht, von meiner Seite zu weichen, blase ich am Ende zum Aufbruch. Er ist mir behilflich und begleitet mich zu einer Bushaltestelle, an der Bus Nr. 20 halten wird, der mich zum Nordrand der Uni bringt. Da er offenbar nie ohne eine alte Armeekarte das Haus verlässt, verdanke ich dem freundlichen Herrn schließlich auch noch die wertvolle Information, auf welcher Höhe ich mich auf dem Höhepunkt des heutigen Tages befunden habe, nämlich auf exakt 448 Metern. Huangshan in Miniatur eben.