Schwiegersöhne haben's leichter
Ja, ich gebe es zu: Die Dinge wiederholen sich, das sin-o-meter bietet nur noch banale Alltagsgeschichten.
Heute klingelt im Seminar zum Thema „Verfassen einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit“ kurz vor Schluss das Mobiltelefon eines Studenten. Normalerweise finde ich das ja nicht so toll, doch rasch stellt sich heraus, dass Professorin Kong am anderen Ende der Leitung spricht. Sie lässt mir ausrichten, dass gleich nach dem Seminar Prof. Hallmeyer, ein Gast aus Mannheim, einen Vortrag zur Gesprächsanalyse (Teilbereich der Textlinguistik) halten wird, zu dem ich mitsamt allen Studenten des Seminars natürlich auch geladen bin. Die Kollegin entschuldigt sich auch gleich: „Habe ganz vergessen dir zu sagen.“ Der Professor ist sehr freundlich, nicht so das Klima in dem Raum, das Fenster nach Norden oder Westen hat, jedenfalls ist die Sonne nicht zu sehen und ich bekomme kalte Füße. Zur Entschädigung bittet Prof. Kong den deutschen Professor, einen Kollegen und mich zum Essen in das feine Restaurant Xin Zazhi. Ich krame immer mal wieder meine angestaubten Brocken aus einem Brinker-Seminar in Hamburg 1990 hervor (Klaus Brinker, angesehener Textlinguist) und der Professor aus Deutschland weiß mit dem Ergebnis einer empirischen Untersuchung zu generationsübergreifenden Gesprächen innerhalb von Familienverbänden zu verblüffen: Dabei, so erklärt er, bildeten sich archaische Muster ab: Die Schwiegertochter habe tendenziell die geringsten Redeanteile. Schwiegersöhne hätten's leichter. Professorin Kong bestätigt: Das könne in der Tat in China auch so sein.