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Donnerstag, 27. November 2008

Die Stadt, die nicht endet
Von DM, 23:59

Eine nicht immer ganz glückliche Verbindung, das sind in China seit jeher Hotelzimmertüren und ich. In Xi'an war ich im Winter 2005 drei Stunden lang Sturm klopfender und krakeelender Gefangener meines eigenen Zimmers, weil das Schloss defekt war (bei externem WC!) und ein Jahr zuvor in Longsheng an den Reisterrassen kann der nächtliche Besucher, der meine Klamotten nach Geld durchwühlte, während ich schlafend daneben lag, seine diebischen Absichten in Anbetracht eines Fensters in steiler Wand auch nur durch die Tür verwirklicht haben. Diesmal war die Sache fast noch rätselhafter: Ich komme zurück von der Ausstellungseröffnung „Zoe – Kind am Kabel“, Bilder, mit denen ein Fotokünstler privaten Trennungsschmerz verarbeitet, und bin plötzlich selbst getrennt: von meinem Bett. Die Tür lässt sich zwar öffnen, aber der Sicherheitsriegel, der sich nachweislich nur von innen vor die Tür schieben lässt, verhindert das Eintreten. Ich rufe meinen österreichischen Zimmergenossen Richard, der eigentlich nicht als Früh-zu-Bett-Geher berüchtigt ist durch den Schlitz. Dann eile ich in die Lobby. Dort sitzt Richard mit einigen Deutschlehrer-Kollegen zusammen bei ein paar Bier und scheint den Ernst der Lage gar nicht zu begreifen. Die Rezeption lässt einen Techniker kommen und als Richard, der übrigens an der YUST, meiner Ex-Uni, unterrichtet, dann endlich ins Bett will und vom Gang aus zwei Männern in Arbeitskleidung dabei zusehen darf, wie sie sich bei inzwischen offener Tür an dem Riegel zu schaffen machen, reagiert er verstört. „Hab' ich dir doch erzählt!“, sage ich. Es handelt sich nur noch um die Wiedermontage des Riegels. Danach funktioniert alles wieder reibungslos. Schließlich kann sich Richard vor Lachen kaum noch halten. Wie für alle Rätsel der Menschheitsgeschichte gibt es natürlich auch für dieses eine einfache Erklärung. Nur kennen wir die nicht.
Noch mehr gibt es von diesem Tag zu berichten, der nicht drögen Konferenzdiskursen gewidmet war, sondern als Ausflugstag das Programm auflockern sollte. Dazu begeben wir uns zunächst auf den zwei Stunden langen Weg zum Außencampus der SISU, wo die Chinesen mal wieder Erstaunliches bewerkstelligt haben. Die diversen Unterrichtsgebäude sind architektonisch den diversen Herkunftsländern der Sprachen nachempfunden, die hier gelehrt werden: Eines sieht aus wie eine Moschee, ein gewaltiges englisches Herrenhaus ist zu bestaunen und das Hauptgebäude erinnert von ferne an den Petersdom. Theologie wird hier aber natürlich nicht unterrichtet.

Eine Studentin, die von der für sie zuständigen Lektorin als „rosa Phantom“ bezeichnet wird, beeindruckt an der Seite von drei weiteren studentischen Deutsch-Leuchten durch einen Vortrag im Loriot-Stil, der Vortrag und Parodie eines Vortrags in einem ist. Was auch immer intendiert war – grandios! Dass sie vom Großstadtleben gleichsam abgeschnitten sind, sehen die Studenten als Vorteil: „So gibt es wenig Ablenkung für uns und wir können uns auf das Studium konzentrieren.“
Danach geht es auf den höchsten Berg von Schanghai, eine Erhebung, kaum höher als der Ketelvierth, auf der eine katholische Kirche steht, die schon schlechtere Tage gesehen hat (nämlich während der Kulturrevolution). Schließlich führt die Reiseroute uns noch in die so genannten Wasserdörfer nahe Schanghai; das sind alte chinesische Wohn- und Gewerbehäuser, die an einem Kanal liegen, was als chinesisches Venedig gepriesen wird. Aber der Vergleich mit den Amsterdamer Grachten trifft vielleicht eher zu. Auf dem Weg zurück präge ich im Bus den Spruch von der Stadt, die nicht endet, denn dieser Eindruck entsteht unweigerlich, wenn man stundenlang an Hochhäusern vorbeifährt und einfach nicht ans Ziel kommt. Zum Vergleich: Der Ballungsraum Schanghai hat 15 Mio. Einwohner, ganz Holland 16.

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