Stille Nacht, heilige Nacht...
Durchgangsverkehr in meiner Wohnung! Es ist so weit: Heute findet das große Glühweinkochen statt. Auch ein Obstsalat für erwartete 150 bis 200 Gäste muss vorbereitet werden. Meine Küche wird später aussehen wie Sau. Aber irgendwas muss ich ja auch beitragen zur Weihnachtsfeier. (Zu meinem intellektuellen Beitrag später.) Fast zwanzig Studenten fühlen sich in verschiedenen Phasen und Etappen in meiner Bude wie zu Hause. Mit meinen parallelen Korrekturen geht es wenig voran. Ich kann mich irgendwie nicht konzentrieren, wenn die ganze Wohnung nach Wein riecht, in meinem Schlafzimmer fünf Leute am Computer an den letzten Feinheiten des Programmpapiers feilen und meine Küche sich in eine Weinschenke verwandelt. Immerhin schaffen es einige Studentinnen doch, mich einigermaßen zu beeindrucken. Ich muss an den Film Plötzlich Prinzessin denken, als ich die Studentin mit dem deutschen Rufnamen Ilona ohne Brille, frisch geschminkt und später am Abend auch noch im traditionellen chinesischen Kleid sehe, weil sie zu den vier Moderatorinnen gehört. Dem veränderten Aussehen ist es auch zu verdanken, dass die Verabredung auf dem Campus schon wieder schief gegangen ist. (Ich muss die Studenten irgendwo treffen, da sie sonst meine Wohnung nicht finden.) Ich habe Ilona am Telefon nicht nur falsch verstanden, sondern dann auch einfach nicht erkannt ohne Brille. Ihr Mantel kam mir zwar bekannt vor, aber statt ihr auf Verdacht laut ihren Namen nachzurufen, um dann peinlich berührt festzustellen, dass ich mich geirrt habe, tue ich, was sonst nicht meine Art ist: jungen Frauen hinterherrennen. Als ich sie fast eingeholt habe, dreht sie sich instinktiv um und dann weiß ich, dass ich doch richtig lag.
Der Abend ist das mir aus Yanji-Zeiten bekannte kreative Schaulaufen. Wie immer zeigen sich die Studenten, die chinesischen Ilonas, Anjas und Timos dieser Welt, von ihrer besten Seite. Die deutschen Studenten, die ebenfalls zu den Gästen gehören, tragen das turbulente Theaterstück Deutschland sucht den Weihnachtsstar vor. Ich verzichte diesmal auf meinen sonst stets mit Spannung erwarteten Blockflötenvortrag und lese stattdessen die Geschichte Leckere Weihnachtsplätzchen von Großmutter vor, bei der Studenten ständig auf irgendwelche Stichwörter rennen müssen.

Was kann mir wohl mehr auf den Nerv gehen als eine Weihnachtsfeier, auf der Jesus nicht mal in einer Nebenrolle vorkommt, von dem ihm gebührenden Ehrenplatz ganz zu schweigen! Die Nebenrolle jedenfalls, das habe ich mir fest vorgenommen, werde ich ihm verschaffen. Zwar habe ich während meiner Ansprache (Programmpunkt 2) nicht das Gefühl, dass man sich für meine Ausführungen sehr interessiert, das geht aber der Konkurrenz von der KP regelmäßig zu festlichen Anlässen ebenso. Und ich habe meine Drohung wenigstens wahr gemacht: Wenn ich bei dieser Weihnachtsfeier eine Rolle spiele, dann sorge ich dafür, dass von Christus, dem Weltenretter, die Rede ist. Er wäre sonst in der Tat auch nicht vorgekommen. Allerdings ist auf KPCh-Kongressen sicher auch nicht mehr viel von Marx die Rede. Ausgleichende Gerechtigkeit gewissermaßen. Meine Rede (einschließlich Gedicht) für alle, die es interessiert, als Anhang zu diesem Eintrag. Naja, immerhin klingt das Fest mit Stille Nacht, gesungen von einem Studentenchor, nach viel Theater, Karaoke und nur bedingt weihnachtlichen Liedvorträgen wenigstens adäquat aus. Und gelangweilt hat sich auch keiner.
Stellen Sie sich vor, liebe Gäste, Sie sind auf einer Geburtstagsfeier. Sie treffen viele Freunde und unterhalten sich bestens. Nur wer eigentlich das Geburtstagskind ist, das weiß keiner so genau, und gratuliert hat auch noch niemand. Das ist Weihnachten! Allen Legenden des Kapitalismus zum Trotz ist Weihnachten aber nachweislich nicht das Fest des Weihnachtsbaums mit dem schönen Schmuck, es ist auch nicht das Fest des Weihnachtsmannes oder der Geschenke und - kaum zu glauben - es ist auch nicht das Fest der Kaufhäuser, auch wenn dort alljährlich das beliebte Weihnachtslied angestimmt wird: „Süßer die Kassen nie klingeln.“
Sondern: Weihnachten ist ein christliches Fest. Die geweihte Nacht heißt auch heilige Nacht. Das etwas vernachlässigte Geburtstagskind heißt Jesus und ist der Christus, das heißt so viel wie: Retter der Welt. Ich weiß ja nicht, ob man in einer kommunistischen Volksrepublik gern daran erinnert wird, in Deutschland wird man es auch nicht immer, aber so ist die Sachlage. Und da ich ja hier nicht nur als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache an einer chinesischen Universität stehe, sondern auch als Kulturbotschafter der Bundesrepublik kann ich Ihnen diese schlichte Erkenntnis nicht ersparen.
Es wird noch skandalöser: Die Bibel, in der die Geschichte Jesu als Dokument aufgezeichnet ist, das viele Systeme und Mächtige hat kommen und gehen sehen, schildert nicht nur die Geburt Jesu, die Weihnachtsgeschichte, da drin stehen auch Sätze, Aussprüche von Jesus wie: „Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon!“ Bevor unsere Studenten gleich ihre elektronischen Wörterbücher zücken und in die Tasten hauen, sage ich lieber schnell, was das bedeutet: Mammon ist der Gott des Geldes. Sie sehen, worauf ich in Zeiten der Finanzkrise hinaus will und wahrscheinlich würde mir hier sogar das chinesische Wirtschaftsministerium zustimmen: Hätten die da drüben im Westen doch lieber ihrem Gott gedient als diesem unseligen Mammon! Dann hätte der unwiderstehliche Glanz des Geldes vielleicht nicht ganze Banken, ganze Nationen in den Bankrott gestürzt! Man sehe es mir nach, wenn ich behaupte: Ab und zu täte es den westlichen Kulturen ganz gut, sich auf ihre Werte und Wurzeln zu besinnen. Sonst heißt es am Ende nämlich: „Rette sich, wer kann!“ Und das heißt hier: „wenn er kann“. Wo er doch den Retter gar nicht mehr kennt.
Ich sprach von Wurzeln und sich besinnen – das sind die Stichwörter, um zum Ende zu kommen. Auch ich besinne mich auf meine Wurzeln und verwandle mich wieder zurück in meine gewohnte Gestalt als Literaturwissenschaftler und lasse diese kurze Ansprache besinnlich ausklingen: mit einem zeitgenössischen Weihnachtsgedicht, extra so ausgewählt, liebe Studenten, das Sie auch diesmal Ihre Wörterbücher stecken lassen können:
Heilige Nacht
Kam,
kam herab.
Kam zur Welt
und erhellte die Nacht.
Kam.
Rettet,
rettet uns
aus dem Griff
der ganz finsteren Macht.
Rettet.
Hilft,
hilft uns
gehen. Jeder Schritt
lässt verblassen die Nacht.
Hilft.
Lass,
lass geschehen,
lass uns sehen
solch ein Wunder vollbracht.
Lass.