Der Besuch der jungen Dame
Ich denke, das wird mein Nachbar Jim sein, bei dem ich immer wasche, weil bei ihm meine Waschmaschine steht. Sicher will er mir mitteilen, dass die Wäsche fertig ist. Wer sollte sonst am Freitag Nachmittag bei mir klingeln? Aber vor der Tür steht eine der herausragenden Studentinnen des dritten Studienjahrs. Sie hat sich den deutschen Namen Anja zugelegt und möchte ihren verspätet fertig gewordenen Aufsatz doch lieber persönlich abgeben. Sie habe sich sowieso gerade in der Gegend mit einer Freundin getroffen. Da ich ja nicht unhöflich sein will, bitte ich Anja herein, mäkele beim Überfliegen der mir ausgehändigten Blätter an ihrer Rechtschreibung herum und einen Ananas-Saft habe ich auch noch für sie. Da steht sie also in meinem Zimmer und ich denke, nun muss ich erst mal meine Wäsche holen. Nachher ist die Sonne weg und dann trocknet nichts mehr... So kommt es also dazu, dass eine Studentin ihrem Prof dabei zusieht, wie er seine Bett- und Unterwäsche auf dem Balkon an die Leine hängt. (Zum Glück ist das Unterhemd mit den tausend Löchern nach meinem Unfall im Juli bei den gebrauchten Mullbinden im Krankenhaus geblieben!) Und sie darf mir einen Kleiderbügel für das 13 Jahre alte, fast transparente Karo-Hemd reichen. Ist irgendwie auch wieder so eine Woody-Allen-Situation, wie ich sie in meinem Leben schon öfter erlebt habe.
Nach der Wäsche-Nummer sind wir (wen wundert's?) in Null Komma nichts bei privatesten Themen. Seit der Invasion der Studenten anlässlich der Weihnachtsfeier (sin-o-meter berichtete) ist mir dieser Jahrgang ohnehin wesentlich vertrauter. Später, als ich die Bibliothek öffne, leiht sich „Anja“ noch vier Exemplare der neuen „Leichte-Lektüre“-Bände aus, die mir gerade aus Deutschland geschickt wurden; das sind vereinfachte Fassungen von Klassikern wie „Götz von Berlichingen“, „Die Räuber“ oder „Nathan der Weise“. Mit Xiaochen alias „Anja“ klingt der Tag dann auch aus: Ich lese ihren Aufsatz. Es ist der längste und beste von allen. Wenn ich's nicht besser wüsste, würde ich sagen: Die versucht mich zu beeindrucken. Aber zum Glück weiß ich ja alles besser. Immer.