Französische Kultur
Das war schon wieder so'n Woody-Allen-Scherz. Wer schreibt mir eigentlich immer diese Geschichten? Wer mich sehr gut kennt, weiß, dass ich als Heranwachsender unanständige Szenen in Comics mit schwarzen Klebestreifen abgeklebt habe, damit mein Weltbild nicht aus den Fugen geriet, oder Seiten in Büchern geschwärzt, wo unanständige Ausdrücke vorkamen, übrigens schon bevor ich Christ wurde. Heute kommt Professor Hong (siehe sin-o-meter vom 6.10.) in die DAAD-Bibliothek. Für eine Konsultation, wie er es nennt. Ich ahne nichts Böses, als er einen mir völlig unbekannten Autor nennt, der ein Buch über Frankreich geschrieben hat. Hong spricht im selben Atemzug eine Einladung zum Essen aus, im Anschluss an die Konsultation, und ich sage natürlich prompt zu. Professor Hong, ihr erinnert euch, Übersetzer des Zauberbergs und nunmehr Leiter der Übersetzungskommission, die Freuds Gesamtwerk ins Chinesische übersetzt, kommt also zu mir an den Schreibtisch und bittet mich, ihm beim Verständnis einiger etwas „schwieriger“ Wörter und Abschnitte zu helfen. Tja, was soll ich sagen? Bei dem Buch handelt es sich um das, was Marcel Reich-Ranicki als „hocherrrrotische Littterrraturrrr“ zu bezeichnen pflegt, und das ist noch milde ausgedrückt! Es geht um einen Herrn, der ein Etablissement namens Roi Sowieso betritt und... Ich kann hier nicht ins Detail gehen, obwohl manche der fraglichen Schilderungen kein Detail aussparen. Immer wieder weise ich darauf hin, dass ich in dem Bereich nicht so der Experte sei. Ich sei ja schließlich nicht verheiratet und kenn' mich da nicht so aus, ob er da nicht lieber einen Fachmann fragen sollte. Gern wende ich mich zwischendurch Studenten zu, die die Bibliothek betreten und Bücher zurückgeben oder ausleihen. Der Professor schweigt dann und liest - Gott sei Dank - auch keine weiteren Passagen vor.
Beim Abendessen, wahrlich sauer verdient, frage ich dann, ob das ganze Buch so sei. Nein, meint der Professor, das sei nur ein Kapitel, eigentlich gehe es in dem Buch um französische Kultur, und dies sei nur ein Teil davon. Ich weise ihn dezent darauf hin, dass ich große Zweifel habe, dass es bei so einem Inhalt keine Probleme mit der chinesischen Zensurbehörde geben würde. Wenn ich Chefzensor in Peking wäre, würde das Buch auf dem Scheiterhaufen landen, Kultur hin oder her. Das sage ich dem Professor so natürlich nicht. Der Verlag, der die Lizenz für das Werk erworben hat, bezahlt ihn schließlich gut. Er verspricht aber immerhin, den Verlag noch mal auf diese „problematischen“ Stellen hinzuweisen. Es könnte dann eine etwas kürzere Fassung geben, vielleicht ohne das Kapitel, für das ich heute „konsultiert“ wurde. Beim Abschied droht Professor Hong schon mit der nächsten Konsultation. Liebe Studenten, kommt nächste Woche alle zahlreich in die Bibliothek!