"Eigenanteil zu gering"
Heute muss ich die Noten eintragen. Den chinesischen Zettel, den mir die Kollegin, die für die Noten zuständig ist, ausgehändigt hatte, konnte ich nicht lesen. Also habe ich die Spaltenüberschriften durchgestrichen und gegen deutsche ausgetauscht. Aber so geht das natürlich nicht. Der Einfachheit halber gebe ich also die Noten direkt in den Computer ein. Dann verhandeln wir – die Fachbereichsleiterin ist per Telefon zugeschaltet – über die Pappenheimer, die geschwänzt oder kopierte Abschlussarbeiten abgegeben haben und daher einen Kurs bei mir mit „nicht bestanden“ abgeschlossen haben. Nachprüfungen stehen an. Der Schwänzer wird begnadigt. Er soll noch eine „letzte Chance“ bekommen. Das hat man in meiner Abwesenheit am letzten Sonnabend beschlossen (zu dieser Fachbereichssitzung war ich geladen, habe aber die Einladung per E-Mail nicht erhalten, sonderbar).
Die drei Kandidaten aus dem letzten Studienjahr, die eine indiskutable Abschlussprüfung abgegeben haben (zwei Seiten Einleitung ihrer B.A.-Arbeit) habe ich mir am Dienstag zu einer Dringlichkeitssitzung in die Bibliothek bestellt, wo sie nun kleinmütig anrollen. Ich erkläre langmütig, dass da etwas nicht stimmen könne, wenn man schon in der Überschrift „chinesich“ statt „chinesisch“ schreibt und erkläre mit noch mehr Langmut den Begriff „Eigenanteil“. Der ist z.B. deutlich zu gering, wenn man fünf Texte aus Wikipedia kopiert, diese vorn und hinten mit ein paar Konjunktionen verbindet und diese gedrechselten Sätze dann auch noch als eigene Kreation ausgibt, nachdem ich ein Semester lang Zitieren und Fußnoten geübt habe. Aber was soll ich die Nerven verlieren? In China gilt ja die Devise: Verliert man die Nerven, verliert man den Menschen. Eine Woche haben die Jungs und Mädels jetzt noch, um eine vernünftige Leistung abzuliefern. Man darf gespannt sein.