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Samstag, 28. März 2009

Der Mann auf der Mauer
Von DM, 23:59

Von dem französischen Comic-Autor Jacques Tardi gibt es ein Werk namens „Ici Même!“ (auf Deutsch: „Hier Selbst!“). Das ist die Geschichte eines Mannes, der auf einer Mauer lebt und mit Nachnamen Même heißt. Die Frau, der ich heute am einen Ende der Stadtmauer von Nanjing begegne, scheint dasselbe extravagante Domizil zu haben. Sie hat dort, wo der begehbare (und von mir heute zu touristischen Zwecken begangene) Teil der Mauer endet, ein grünes Zelt aufgeschlagen. Davor stehen ein paar spärliche Möbel und Alltags-Utensilien. Frauen-Mauer statt Frauen-Power sozusagen. Als ich den Durchgang erreiche, kommen wir kurz ins Gespräch und sie berichtet mir, obwohl ich wegen ihres starken Regionaleinschlags beim Sprechen kaum etwas verstehe, dass sie jeden Tag hier sei.
Das andere Ende der Mauer mündet ebenfalls in einer Sackgasse: Ich befinde mich mal wieder mitten auf einer Baustelle (wie 2005 in Xi'an). Da es kein Verbotsschild gibt, dringe ich aber trotzdem auf Brettern, die momentan definitiv nicht die Welt bedeuten (und sie auch nicht tragen), vor zu der Torverkleidung über dem Haupteingang Xuanwumen ("Eingang zum See", denn der Xuanwu-See liegt gleich hinter der Mauer). Es knirscht im Gebälk, von unten schauen schon ein paar chinesische Touristen neugierig, was zehn bis zwölf Meter über ihnen da oben unter dem Dach der Ausländer so ganz allein treibt. Jenseits der nach Renovation lechzenden Aufbauten gibt es nur noch undurchdringliches Gestrüpp. Die Mauer ist zugewachsen. Ich muss zurück. Nichts wird aus meinem Plan, bei Xuanwumen von der Mauer zu steigen und mit der U-Bahn zurückzufahren. Vom Hinweg jedoch ist mir ein Mauerabschnitt in Erinnerung geblieben, der sehr niedrig ist. Dort sind es, schätzt mein geschultes Auge, weniger als drei Meter bis zum Erdboden. Und da unten anders als damals, beim historischen Hamburger Fenstersturz (1999), der einen Fußbruch nach sich zog, kein Beton auf mich wartet, sondern Rasen, hänge ich mich also mit beiden Armen an die Regenrinne (die ist aus Beton), springe und spare so zwanzig Minuten Fußweg. Ich steuere hurtig die Hauptstraße an. Ein Passant, ein älterer Herr, der Zeuge meines Abgangs geworden zu sein scheint, zeigt mir den „Daumen hoch“. In Deutschland hätte ich wohl eher den „Du, du, du!“-Zeigefinger zu sehen bekommen.

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