Echo
Wie ein Geist steht sie plötzlich neben mir, als ich vor einer Kreuzung meinen Schritt verlangsame, und spricht mich an. Ich erkenne sie wieder als die Frau, die eben im GoDi noch vor mir saß und eine halbe Stunde zu spät kam. Sie wird sich entpuppen als eine der sonderbarsten Figuren, die ich hier in China bisher kennen gelernt habe: Echo. Ja, so nennt sie sich wirklich. Außerdem hat sie noch zwei chinesische Namen, einer davon ist Danyu. Das erzählt sie mir, während sie mich zurück zur Uni begleitet oder sich von mir begleiten lässt, wie man's nimmt. Außerdem erfahre ich, dass sie in Chikago Theologie studiert, gleichzeitig Christin und Atheistin ist (ebenso wie ihr Prof), dass sie ihre Identität zwischen Chikago und Nanjing verloren hat, dass sie hier eine Berühmtheit war, die drei Bücher veröffentlicht hat, darunter einen Lyrikband und einen Roman, dass sie nun aber keiner mehr kennt, dass sie wegen einer Ohreninfektion zurück nach Nanjing gekommen ist, dass sie später in Hongkong promovieren will und dass sie gerade ein A in einer Seminararbeit über Walter Benjamin geschrieben hat. Die hat sie auch dabei und zeigt sie mir. Ich bin mir nicht sicher, was ich von so viel Extravaganz halten soll, und bitte sie doch nächstes Mal ihren Roman zum GoDi mitzubringen. Frei nach dem beliebten Kirchen-Motto: Wir sehen uns im Gottesdienst!