Yangzhou, 2. Tag
Der so genannte "schlanke Westsee" (im Gegensatz zum normalen Westsee in Hangzhou) ist die größte Attraktion der Stadt. Ausgehend vom Yechun-Teehaus wandere ich einen Kanal entlang bis zum gelben Daming-Tempel, der zusammen mit einer Pagode den Westsee im Norden begrenzt, und folge so der Strecke, die einst ein berühmter Kaiser frühmorgens mit dem Boot zurückzulegen pflegte. Als Höhepunkt gilt die auf dem Foto zu sehende "Fünf-Pavillon-Brücke", die typisch ist für den Brücken-Baustil im Süden Chinas und als Wahrzeichen von Yangzhou betrachtet wird. Was hier nicht zu sehen ist, sind die Horden von Touristen, die den Pavillon belagern, und die Armadas von so genannten "Lustbooten", das sind Paddelboote mit Drachenkopf, auf denen Touristen sich über den See schippern lassen.
Obwohl ich meine Zeit großzügig geplant habe, gerate ich am Ende (ich habe das Massage-Hotel bereits geräumt) doch wieder enorm unter Zeitdruck, weil ich mich eine Stunde vor Abfahrt meines Busses nach Nanjing entschlossen habe, nicht auf der Buslinie 29 zurückzufahren, die ich genommen habe, als ich zum See fuhr (ca. 30 Minuten), sondern lieber umschwenke auf die 66 bzw. 20, die auf direkterem Wege zum Busbahnhof führt. So hoffe ich Zeit zu gewinnen. Leider habe ich durch den Wechsel der Haltestelle eine Viertelstunde verloren und es kommt zu einem wilden Wettlauf gegen die Zeit. Denn Bus 66 kommt einfach nicht, von Nr. 20 ganz zu schweigen. Inzwischen nur noch vierzig Minuten bis zur Abfahrt meines Busses, des letzten für heute. Ich winke bereits, ganz untypisch für mich, nach Taxis, ein sichtbares Zeichen äußerster Verzweiflung. Und ohne Erfolg. Alle besetzt. Erschwerend kommt hinzu, dass ich noch mein Gepäck aus dem Lager holen muss und man mir am Mittag geraten hat, sieben bis zehn Minuten vor Abfahrt am Busbahnhof aufzutauchen; denn manchmal fahren Busse hier einfach früher ab. Noch 35 Minuten. Drei Busse rollen an. Gierig stiere ich nach den roten Nummern an den Frontscheiben. Keine 66. Keine 20. Andere Linien sind auf meiner Karte nicht eingezeichnet. Wenn ich jetzt nicht fahren kann, komme ich heute hier nicht mehr weg. Das war's dann wohl, denke ich. Noch mal ab ins Billighotel. Oder? Ich gehe entschlossen auf den zweiten Bus zu, der gerade hält; denn ich sage mir, dass auf dieser Strecke doch auch noch andere Busse zum Busbahnhof fahren müssen. Ich frage den Fahrer des Busses Nr. 17. Er nickt. Ich frage nach der Anzahl der Stationen. Er sagt: "Sieben bis acht!" Das, so rechne ich schnell aus, könnte bei guter Verkehrslage in 20 Minuten zu schaffen sein. Ich zähle die Haltestellen mit und rechne jedes Mal die Gesamtzeit hoch. Am Ende bin ich Viertel vor sieben am Busbahnhof. Der Mann am Gepäckschalter ist mürrisch. Er meint, wenn ich richtig verstanden habe, ich hätte viel früher kommen sollen. Da er mächtig nach Schnaps riecht, nehme ich das nicht so ernst, nuschel' irgendwas und bekomme mein Gepäck. Erleichtert sitze ich schließlich im Bus nach Nanjing und bin mir sicher: Gott liebt mich.