Im Regen stehen gelassen
Da haben sie mich im Regen stehen lassen, die Gäste, die ich am Südportal des Uni-Geländes erwarte, um sie zum Vortragssaal unseres Sprachlehrgebäudes zu führen. Aber keiner kommt. Stattdessen kommt der große Regen. Da muss ich jetzt durch. Ich sage dem Pförtner Bescheid, dass ich anderswo nach den Gästen Ausschau halte. Doch auch am Südportal in der Guangzhou Lu ist keiner zu sehen. Dann folge ich einer Eingebung und haste schnell auf mein Zimmer, um zu telefonieren. Katja meldet, dass das Taxi eine Viertelstunde Verspätung habe. Ich verständige rasch die Institutsleiterin, werfe mir meine Regenjacke über und zurück geht’s zum Portal. Schließlich treffen die werten Gäste ein. Aber - o Schreck! - es fehlt an Schirmen. „Wenn wir fünf Minuten durch den Regen müssen, sind wir nass!“, ist der Professor überzeugt. Am Ende geht es doch irgendwie.
Im Hörsaal 304 erklärt Marcel Beyer, der an einem Roman vier bis fünf Jahre arbeitet und zwischendurch mit Auftritten dieser Art und Lesungen seine Brötchen verdient, ein paar seiner von den Expressionisten Trakl und Benn beeinflussten Gedichte. Zufällig nehme ich gerade Gedicht-Interpretationen im Unterricht durch und habe - schon weniger zufällig - ein Beyer-Gedicht als Hausaufgabe aufgegeben. Aber ich muss doch Studenten direkt aufrufen, ehe sie sich trauen, endlich zu fragen, was es mit Marcels Gedicht Schnee denn nun eigentlich auf sich hat. Danach sind wir endlich alle schlauer: Lyrik ist, lernen wir dann, wenn man erst so ganz versteht, worum es in den Versen geht, wenn man den Dichter fragen kann. Freimütig gesteht der Dichter außerdem, von Metrik nicht viel zu verstehen und eher assoziativ zu seinen Versen zu kommen.
Nach dem Mittagessen im Uni-Restaurant referiert der Journalist und Literaturkritiker Jörg Magenau über seine Arbeit an den Biografien von Christa Wolf und Martin Walser: Schriftstellerkarrieren in Ost und West ist sein Vortrag überschrieben. Noch ein Zufall: Die Fachbereichsleiterin hat seinerzeit ihre Magister-Arbeit über Christa Wolf geschrieben und kann also kräftig mitmischen. Die meisten Reaktionen aber erntet schließlich Professor Kautz, der in den sechziger Jahren für die Botschaft der „DDR“ als Übersetzer und Dolmetscher tätig war und Persönlichkeiten getroffen hat (Chou En-lai), die heute in China legendär sind. Da er aber selbst nach dieser vaterländischen Tätigkeit nicht willens war, in den Sozialistischen Einheitsbrei Deutschlands (SED) einzutreten, galt er fortan im Arbeiter- und Bauernparadies als komischer Kauz und musste sich nach der Rückkehr seinen Lebensunterhalt anderswo verdienen. So wurde der studierte Sinologe Experte für literarische Übersetzung aus dem Chinesischen. Als die Mauer fiel, hatte er gerade einen Preis für eine seiner Übersetzungen gewonnen und darauf mit seiner Frau so oft mit Sekt angestoßen, dass an eine Autofahrt zum Ort des historischen Geschehens nicht mehr zu denken war.
Geschickt garniert der Siebzigjährige seine Anekdoten mit chinesischen Wörtern, was ihm die ungeteilte Sympathie der Studenten einbringt. Da ist doch der Regen von heute Morgen glatt vergessen!