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Freitag, 15. Mai 2009

Der Mann auf der Brücke
Von DM, 23:58


Zur Feier des Tages mache ich mich heute auf zur ersten Nanjinger Brücke über den Jangtse (hier nicht im Bild), die ich zweimal die Woche auf dem Weg zum Außencampus überquere. Da sitzt man freilich im Bus und kann die Szenerie nicht so genau in Augenschein nehmen. Das wird heute anders, habe ich mir vorgenommen. Ich lasse ein paar Frachtschiffe unter mir passieren und meinen Blick schweifen bis zum diesigen Horizont, von wo her eine endlose Frachter-Armada auf mich, den Mann auf der Brücke, zusteuert. Für 15 Yuan darf ich mit dem Fahrstuhl vom Brückenpfeiler nach unten düsen, wo mich der Große-Brückenpark erwartet. Unten im Foyer des Pfeilers, der eher ein Turm ist, steht eine Mao-Statue, davor liegen Blumen aus Plastik. Die können genauso wenig verwelken wie der immer jugendliche Mao in seinem Pekinger Mao-Soleum. Ein metergroßes Farbfoto hängt an der Wand, das die Einweihung dieser kombinierten Eisenbahn- und Autobrücke im Jahre 1968 zeigt, als der Große Vorsitzende noch unter den Lebenden weilte: vor dem Podium Tausende von Menschen mit roten Fahnen und Mao-Bildern, so wie es das heute wohl nur noch in Nordkorea gibt. Damals war das Ganze ein Wunder des Kommunismus.
Ich überwinde eine niedrige Mauer und wandere zum Jangtse-Ufer, wo ein paar Angler in der Sonne dösen. In der Mündung eines Seitenarms hat ein Kutter festgemacht. Eine Frau lässt ebenso wie ihr Nachbar, der vom Ufer aus fischt, ein riesiges Netz in das braungraue Brackwasser sinken und hofft, dass nach ein paar Minuten, wenn sie das Netz aus der Brühe zieht, Fische darin zappeln. Fehlanzeige. Ihr Nachbar auf meiner Seite des Ufers hatte mehr Glück. Ich frage mich, wer solche Fische essen soll und muss daran denken, dass ich am gestrigen Donnerstag in der Mensa Fischkopf hatte. Die werden ja wohl nicht hier im Jangtse gefangen worden sein? Die Brühe stinkt wie tausend tote Tümpelkröten, vor mir im Wasser treiben zwei aufgeblähte Wasserleichen: ersoffene Katzen, eine grau-weiß, eine braun. Eine von ihnen stinkt bereits mächtig gegen den Wind. Auf der Flanke, die aus dem Wasser ragt, sitzen hundert Fliegen.
Ich mache mich vom Acker und zum Yuejiang-Turm auf, der unweit des Jangtse-Ufers auf einer 60-Meter-Anhöhe thront. Ich komme unterwegs durch enge Altstadt-Gassen, die genau so sind, wie man sich das alte China, also das China vor der großen kapitalistischen Wende, vorstellt: enge Alleen mit Wäsche an den Fenstersimsen und Chinesen, die vor der Hütte auf Schemeln sitzen und sich mit Brettspielen die Zeit vertreiben. Ich strande zweimal in einer Sackgasse. Einmal verweist man mich des Grundstücks. Zugwaggons stehen hier auf dem Abstellgleis. Über still gelegte Eisenbahnschienen gelange ich schließlich doch noch auf den rechten Weg. Allerdings verirre ich mich zunächst noch in den uninteressanten Jinghai-Tempel unterhalb des Hügels. Dann aber kann ich die Stadt endlich unter mir lassen. Auf der Mauer, die den Turm-Hügel umgibt, raste ich und fange mir prompt zwei Moskitostiche ein. Schließlich erklimme ich den Gipfel und die sechs Etagen des Turmes, die als Ausstellungshallen dienen. Die Aussicht ist imposant, obwohl die aufziehende Gewitterfront den Blick und das Wohlbefinden doch zusehends trübt. Rund um den Turm flaniert eine Gruppe von Soldaten in Uniform. Die haben anscheinend schon Wochenende und stehen nun überall im Weg. Um sechs mache ich mich auf den Rückweg.
Vor dem beginnenden Regen fliehe ich in ein KFC-Restaurant. Danach will ich zum Hauskreis, aber auf der Bank vor dem Klohäuschen, das ich noch schnell aufsuchen will, bevor ich in Bus Nummer 100, den Doppeldecker-Bus, steige, spricht mich ein junger Mann an und ich komme zwanzig Minuten zu spät. Der Hauskreis ist nicht zu Hause, ich weiß nicht, wo sie tagen. Also gehe ich unverrichteter Dinge nach Hause und schaue den Scorsese-Klassiker „Zeit der Unschuld“.

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