Die Freikarte
Vor wenigen Tagen sprach ich im Zusammenhang mit der entzückenden Nachwuchsautorin Lu Min (sin-o-meter berichtete) noch von einer Tanzfläche, prompt lädt sie mich zu einer Tanz-Vorstellung ein und spendiert mir eine Freikarte. Ich habe zwar zuerst gedacht: Was soll das denn? Tanzen: langweilig! Allerdings hat sie in ihrer E-Mail auch grandios untertrieben und mich vielsilbig vor der langen Anreise nach Wei Gang im Osten der Stadt gewarnt: „If you don't want to go to the theater, trust me, I can understand it.“ Doch dann entpuppt sich der Abend - Lu Min erwischt mich am Eisstand neben der Bushaltestelle kurz vor dem Verzehr von Eis Nummer zwei - als ein echter Höhepunkt. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus: Es handelt sich um eine phänomenal choreografierte Darbietung (vielleicht am ehesten vergleichbar mit einem Musical wie „Cats“ oder „König der Löwen“) des Stücks „Pfingstrosenpavillon“ des berühmten chinesischen Shakespeare Tangxianzu aus der Ming-Dynastie: In einem Pfingstrosenpavillon erscheint der liebenswerten Hauptfigur der Mann ihrer Träume. Doch sie erfährt, dass er nicht mehr lebt. Vor Gram stirbt sie. Doch der Verehrte lebt. Auf einem Markt entdeckt er ihr Bild und sucht, ergriffen von analogen Gefühlen, seinerseits nach ihr. Seine Nachforschungen ergeben: Die Geliebte ist verstorben. Damit findet unser Held sich nicht ab. Er sucht das Grab auf und erweckt durch seine Liebe die Angebetete vom Tode.
Das alles erzählt nur mit Tanz, Bewegung, Kostümen, Musik (kein Gesang), nicht zuletzt aber auch mit einem spektakulären Bühnenbild und visuellen Spezialeffekten aus dem Computer nacherzählt wurde. Na gut, alles etwas theatralisch, aber wenn Theater nicht theatralisch sein darf, wer dann? Das Famose für mich als Ausländer: Sprachbarrieren gibt es nicht, weil Tanztheater ohne Dialoge auskommt. Allerdings muss Lu Min immer wieder Zusammenhänge erklären, weil Chinesen natürlich über kulturelles Vorwissen verfügen, das mir fehlt. Ohne Übertreibung kann ich sagen: Dafür hätte ich notfalls sogar Geld ausgegeben! Bei uns würde so was vermutlich um die 50 Euro kosten. Nur mit Mühe kann ich nach der Vorstellung wenigstens das Taxi bezahlen. Allerdings habe ich während der Fahrt bei Lu Min mal etwas nachgehakt und glaube jetzt, dass das eine Sonderdarbietung (Vorvorvorpremiere) für Parteikader und Linientreue war. So richtig wollte sie ja mit dem Quell dieser sagenhaften Elite-Freikarten nicht heraus, denn den meisten ist Parteimitgliedschaft gegenüber Westlern etwas peinlich.