Beeplog.de - Kostenlose Blogs Hier kostenloses Blog erstellen    Nächstes Blog   


 

Du befindest dich in der Kategorie: Allgemeines

Dienstag, 23. Juni 2009

Hohe Literatur und Seifenoper
Von DM, 23:59

Brav haben die meisten Studenten des zweiten Jahrs sich auf die mündlichen Einzelprüfungen vorbereitet, in denen ich sämtliche Texte des abgeschlossenen Lehrbuches abfrage. Jetzt kommt nur noch die Prüfung für Magisterstudenten am Donnerstag und die Urlaubszeit steht vor der Tür!
Danyu, die rührige Schriftstellerin, die mich regelmäßig mit immens eloquenten E-Mails versorgt, hat für den Abend vorgeschlagen, sich von mir in ein sündhaft teures Teehaus am Xuanwu-See einladen zu lassen. Angeblich hätte ich ihr so was mal versprochen. Aber erst mal kommt sie eine halbe Stunde zu spät; ich war inzwischen schon wieder weg und es ist reines Glück, dass ich auf Verdacht eine halbe Stunde später, um 18 Uhr, noch mal am Treffpunkt Bibliothek vorbeikomme, nachdem ich zwischendurch Studenten getroffen habe. Ich verschweige diese Umstände; sie ist schon verstört genug. Wir gehen in den Vortrag  eines Skandinavistik-Professors aus Berkeley, der als Gastreferent über Architektur als Motiv in der skandinavischen Literatur spricht und anhand von Ibsens „Nora – Ein Puppenheim“ und „Die Stützen der Gesellschaft“, Selma Lagerlöf, August Strindberg sowie dem dänischen Autor Hermann Bang zeigt, wie das Motiv von Abbruch und Aufbau von Häusern oder andere Formen von Haus-Metaphern die sich verändernden sozialen und psychischen Realitäten zum Ausgang des 19. Jahrhunderts spiegeln. Danyu hat kaum etwas verstanden, obwohl der Vortrag ihre Idee war. Ich wusste davon gar nichts.
Also ab ins Teehaus. Alles ist hier ganz traditionell, nur die Preise vermutlich nicht: 80 Yuan für ein paar Schlucke Tee aus einer Mini-Tasse! Immerhin: Das Milchspeiseeis vorher ging auf Danyus Rechnung. Nein, Danyu muss keine Operation fürchten. Die Geschichte ist schon wieder Schnee von gestern, interessiert sie nicht mehr. Sie will jetzt bald einen Roman über ihre Amerika-Erfahrungen schreiben. Darin kann sie dann auch gleich die Geschichte mit ihrem „boy-friend“ abarbeiten, den sie natürlich verlassen wird. Sie weiß es nur noch nicht. Aber sie redet nur noch von ihrer ominösen Internet-Bekanntschaft, die sich nach langer Zeit wieder gemeldet hat. Ich sage: Der hat zwei Kinder und lebt von deren Mutter getrennt; so richtig christlich hört sich das für mich nicht an. Aber er sei ihr Seelenverwandter, das spüre sie. Deswegen bereue ich auch die 80 Yuan nicht. Danyus Leben ist die pure Seifenoper und ich bin darin zum Glück nur Statist. Gegen Mitternacht flanieren wir den See entlang und ich setze sie schließlich ins nächste Taxi. Da ist sie ganz konsterniert, dass ich nicht mit einsteige. „Ich muss doch in eine ganz andere Richtung“, sage ich, was habe sie denn gedacht? Sie kommt mir vor wie ein kleines Kind, das nicht gern allein sein mag und sich im Dunkeln schnell verläuft.

[Kommentare (0) | Kommentar erstellen | Permalink]




Kostenloses Blog bei Beeplog.de

Die auf Weblogs sichtbaren Daten und Inhalte stammen von
Privatpersonen. Beepworld ist hierfür nicht verantwortlich.

 

Navigation
 · Startseite

Login / Verwaltung
 · Anmelden!

Kalender
« Februar, 2026 »
Mo Di Mi Do Fr Sa So
      1
2345678
9101112131415
16171819202122
232425262728 

Kategorien
 · Alle Einträge
 · Allgemeines (415)

Links
 · Kostenloses Blog

RSS Feed