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Samstag, 04. Juli 2009

Reise in den Regen III: Gipfelsturm in Gejiu
Von DM, 23:59

Kühl und regnerisch ist es in Gejiu, als ich am frühen Morgen ankomme. Ich mache mich frisch, ziehe mich um und erkunde die morgendliche Stadt. Die ist gar nicht so hässlich. Erst sitze ich im Park eines Industriemuseums, wo die Chinesen mal wieder zig zwitschernde Vögel in die Bäume gehängt haben, mitsamt ihren Käfigen, versteht sich. Möchte wirklich mal wissen, was sie sich davon versprechen. Soll man die Piepmätze kaufen? Jedenfalls fühlt man sich wie im  Dschungel wegen der Geräuschkulisse.
Gejiu liegt in einem Talkessel und wird der Länge nach durchzogen von einem kleinen Binnensee, vermutlich künstlich angelegt, ähnlich der Außenalster in Hamburg. Die Stadt wächst. Am Rand wird, wie überall in der Volksrepublik, gebaut. Auf dem Hang oberhalb der Stadt thront eine Pagode. Sie spornt mich an zu einem Gipfelsturm: Ich lasse ein Wohngebiet hinter mir und erklimme den Hang. Ein kleiner Trampelpfad führt durch den regenfeuchten Wald. Der wird steiler, nasser und glitschiger, je höher ich komme. Ich muss mich an Zweigen hochziehen, um nicht den Halt zu verlieren. Unter mir gähnt die Tiefe, aber keine Angst: Von der trennt mich noch jede Menge dorniges und nassses Buschwerk. Na, nicht zu viel drüber nachdenken. Nass bis auf die Haut, mehrfach auf dem rutschigen Boden ausgeglitten, sehe ich aus wie Sau, als ich mich dem vorläufigen Ziel nähere. Ein Bauer, der irgendwas ins Tal schleppt, weist mir an einer Weggabelung die Richtung. Wahrscheinlich aber hat er meine Aussprache gar nicht verstanden. Alles erinnert stark an meine Wanderung in den Reisterrassen von Longsheng anno 2004. Damals bremste mich auch der Regen aus. Oben auf der Anhöhe erwarten mich ein kleiner Weiler, kläffende Köter, eine modrige Terrasse mit Aussicht auf Gejiu, eine Art Transformatorenhaus und eine Asphaltstraße. Ein Moped-Pärchen bietet mir sogar eine Fahrt ins Tal an. Ich lehne ab. Gut, ich hätte es leichter haben können, aber ist das meine Art?
Ich eile weiter zum höchsten erreichbaren Gipfel. Oberhalb der Siedlung gibt es nur noch wenige Bäume, dafür steil abfallende Weideflächen und immer wieder vorbeiwabernde Wolken, die mir die Sicht nehmen. Auch der glitschige Lehmboden bleibt mir erhalten. Vom höchsten Punkt aus blicke ich nach ein paar Minuten in eine dichte Nebelwand. Dann der Abstieg. Inzwischen ist es schon zwei Uhr nachmittags. Ich folge der asphaltierten Straße und stelle fest: Die Pagode ist eine Baustelle; nebenan ist ein Tempel-Neubau fast fertig. Ich finde es überraschend, dass das kommunistische China eine religiöse Weihestätte neu errichten lässt. Der Tourismus als Geldquelle macht's möglich. Neben der Tempelanlage ist ein großer Platz,  von dessen Rand man auf die dunstige Stadt blicken kann und auf dem gekocht wird. Ich lasse mich überreden Platz zu nehmen unter einem Schirm (es tröpfelt immer wieder leicht) und bestelle eine kräftige und vor allem triefnasenfördernde Nudelsuppe. Neidisch lungern Hunde neben den Bänken und hoffen auf ihren Anteil. Die hilfsbereite Köchin weist mir dann auch noch den vernünftigen Weg nach unten: Es gibt Stufen, ca. 2000 an der Zahl.
Gejiu liegt auf ca. 1800 Metern und ich war eben noch 2000 Treppenstufen höher. Die Suppe und die 2000 Stufen haben meine Verdauung mächtig angekurbelt. Unten am Eingang zu diesem treppenreichen Naturwanderweg habe ich fast einen Krampf im Magen. Das WC am See kommt keine Sekunde zu früh! Donnerwetter! Am Bahnhof erfahre ich, dass der Bus nach Xinjie schon weg ist. Dabei habe ich mich extra beeilt. Die Schalterdame hatte mir am Morgen eine Stunde später als Abfahrtszeit genannt. Mit dem Bus fahre ich zurück Richtung Stadtmitte, irre planlos im Regen herum und finde schließlich im Nr. 10-Guest-Hotel für 100 Yuan eine Bleibe, deren Komfort deutlich über meinem Schnitt liegt. Abends suche ich mir  noch einen Salon, in dem ich mir einen neuen Haarschnitt verpassen lassen kann. Für 10 Yuan waschen sie mir die Haare gleich zweimal, vorher und nachher. Natürlich habe ich, als ich gegen 21 Uhr mit neuer Frisur aus dem Salon trete, keine Ahnung mehr, wo ich bin. Da Gott gnädig ist, finde ich schließlich aber doch noch zurück ins Gasthaus Nr. 10, wo immerhin ein echtes Bett auf mich wartet.

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