Reise in den Regen IV: Xinjie

Im strömenden Regen geht es morgens um sieben zum Busbahnhof von Gejiu. Über die Hauptstadt des Verwaltungsbezirks Yuanyang Nansha geht es hoch hinauf nach Xinjie. Im Bus bin ich nicht der einzige Ausländer. Vorne sitzt ein Pärchen, das ich nicht so recht zuordnen kann. Rumänien?
Der erste Streckenabschnitt folgt einem wegen des vielen Regens tosenden Flusslauf, der wie ein gefräßiges braunes Monster aus den Bergen hinabgestürzt kommt und beim Blick aus dem Heckfenster wirkt, als würde er uns verfolgen, um uns zu verschlingen. Dann überqueren wir das braune Monster mittels einer Brücke und lassen es hinter uns.
Die Ankunft in Xinjie erfolgt gegen halb elf. Die Stadt ertrinkt in Regen und ist total von Wolken eingehüllt. Ich wandere mit Gepäck drauflos. Überall gibt es kleine Hotels. Aber wo steige ich ab? Ich brauche einige Zeit zum Überlegen. Ich müsste schon heute Abend wieder abreisen, wenn ich noch den legendären Steinwald bei Kunming besichtigen möchte, an dem ich gestern auf dem Weg nach Gejiu vorbeikam. Der freundliche Herr Chen Xiaoshong und sein sehr günstiges Gasthaus (30 statt 35 Yuan für ein Einzelzimmer) bekommen schließlich den Zuschlag und ich streiche den Steinwald. Herr Chen ist sehr hilfsbereit und breitet vor mir die Touristen-Landkarte der Gegend aus, die wohl mal ein französischer Tourist angefertigt hat und die jetzt als Fotokopie überall im Umlauf ist. Aber die vielen Höhepunkte kann ich wegen Zeitknappheit gar nicht wahrnehmen.
Mein Zimmer liegt im Obergeschoss, hat eine eigene Terrasse mit Blick auf: Wolkenschwaden. Ein deutsches Buch von Andreas Altmann über Vietnam und Kambodscha, erschienen im Fredekring-Verlag, liegt aufgeschlagen auf der Galerie. Nachmittags gönne ich mir eine Nudelsuppe auf dem Marktplatz. Ich sitze mit Blick auf die von Fußgängern bevölkerte Straße unter Plane neben ein paar Einheimischen in der typischen Hani-Kleidung. Eine ältere Frau trägt eine Art grünen Turban und die Jacke verzieren gemusterte bunte Linien. Es regnet Bindfäden. Erste Anzeichen einer Erkältung machen sich bemerkbar, weil ich gestern auf der Wanderung durchnässt wurde. Oder tropft die Nase nur wegen der scharfen Suppe?
Auf einem großen Platz oberhalb der Marktstraßen stehen Dutzende von roten Touri-Taxis. Ich löse ein großes Palaver mit Taxifahrern aus, weil ich nicht schon wieder abgezockt werden will. 100 bis 120 Yuan für einen Privatausflug erscheinen mir indiskutabel. Ein junges Mädchen aus einem Bus, der nicht an mein Ziel fährt, hat mich hergelotst und hilft mir beim Verhandeln. Schließlich gewinnt eine Frau am Steuer den Poker. In ihrem Privattaxi fahre ich für 20 Yuan zu dem berühmten, 18 km entfernten Reisterrassen-Aussichtspunkt Tigermaul, und zwar in Gesellschaft von zwei jungen Damen: Vorn auf dem Beifahrersitz sitzt "Lucy", neben mir ein junge Dame, die wegen ihrer modischen Kurzhaarfrisur aussieht wie ein Frisör-Lehrling; beide aus Kunming, beide kommen zurück aufs Land zu den Eltern (Urlaub, Arbeitslosigkeit).
Abermals Palaver gibt es dann am Eingang zu besagtem Tigermaul ("Laohuozui"): Reisterrassen als religiöses Erlebnis: Man weiß, sie sind da, aber nie zu sehen. Ich soll trotzdem Eintritt zahlen: 30 Yuan für 200 Meter Reisterrassen-Gucken, auch bei freier Sicht gilt da: Die spinnen die Chinesen! Das drücke ich gegenüber dem Kassen-Trio, das den Eingang zu dem Wanderweg überwacht, zwei jungen Frauen, einem Mann, natürlich höflicher aus. Da die Wolken trotz der Beteuerungen des Trios wenig weichen, mache ich mich zu Fuß auf den Rückweg: bergauf immer der Straße nach. 2 km sind es bis nach Amengkong und auf dem Weg zu der kleinen Siedlung bekomme ich immerhin einen Ausschnitt der legendären Terrassen geboten. Ein Loch in den Wolken, die über das Tal segeln, macht's möglich. Auch schön. Dann, es muss zwischen fünf und sechs Uhr sein, setzt plötzlich starker Regen ein und ich merke, dass meine Jacke nicht wirklich als Regenjacke taugt. Bei Amenkong habe ich Glück, dass ein Privatwagen mich aus Mitleid mitnimmt. Ich friere hinten im Wagen und die Fahrt kommt mir erstaunlich lang vor. Am Ende muss ich nichts bezahlen und werde im strömenden Regen in Hotelnähe herausgelassen. Ich habe rasende Kopfschmerzen und fühle mich irgendwie krank. Ich hole mir Paracetamol aus der Apotheke neben meinem Hotel und schaue, nachdem ich mich unten im Supermarkt noch rasch mit einem Sortiment von Essbarem ausgestattet habe, im Fernsehen "Charlie & die Schokoladenfabrik" auf Chinesisch. Danach wälze ich mich durch eine fiebrige Nacht und schwitze wie ein Schwein am Spieß.