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Montag, 06. Juli 2009

Reise in den Regen V: Zhongpizang
Von DM, 23:59


Völlig matt erhebe ich mich nach fiebriger Nacht, dennoch wird erst mal kalt geduscht, denn mein 30-Yuan-Zimmer verfügt nicht über heißes Wasser. Draußen ist immer noch alles verhangen. Um elf mache ich mich auf den Weg zum Busbahnhof. Keiner da. Die Tante macht schon Mittagspause.
Ich mache eine Wanderung, indem ich ganz einfach dem Trampelpfad folge, der vom Busbahnhof aus in die Wildnis führt. Was schreit hier eigentlich die ganze Zeit wie ein angestochenes Schwein? Ein nicht angestochenes, aber abgeschlepptes Schwein. Eine junge Sau weigert sich hartnäckig, ihrer vermutlich neuen Besitzerin ins Dorf zu folgen. Trotz Schweineleine um den Hals ist hier nichts zu wollen. Am Ende trägt die Bäuerin die junge Sau auf dem Arm weiter. Aber die Frage bleibt natürlich: Wer nimmt hier wen auf den Arm?
45 Minuten dauert die Wanderung. Ich überquere kleine Bäche und begegne Kuhhirten. Das Dorf, zu dem ich unterwegs bin, ist garantiert autofrei. Es ist nur zu Fuß zu erreichen. Das wird spätestens klar, als ich zwischen zwei Reisfeldern im Matsch ausrutsche. Hinter dem Dorf mache ich im Sonnenschein Pause. Ich sitze auf einem Stein zwischen dem Reisfeld oberhalb und dem Reisfeld unterhalb meines kleinen Plätzchens mit herrlichem Talblick. Es hat sich in der Tat mächtig aufgeklart. Meilenweit leuchtet alles lindgrün (die Fotos stammen aus dem Winter); jetzt sind die Reisfelder nicht so stark bewässert, dass sie aussehen wie eine Seenplatte. Am Dorfrand machen zwei junge Leute Feuer. Ich treibe ihnen auf dem Weg zwei Gänse entgegen. Dann wasche ich meine Kleidung notdürftig unter einem offenen Wasserrohr am Wegesrand. Meine Jacke ist total eingesaut, meine Schuhe sind total eingesaut. Inzwischen sind auch Frau plus Ferkel im Dorf eingetroffen. Das ist unüberhörbar. Jugendliche spielen auf einer Terrasse mit Talblick Billard, der Tisch ist zweifellos die Attraktion hier. Weiter unten auf dem Dorfplatz wird ein Bambusbaumstamm behauen und bearbeitet. Einige Kinder sind mir neugierig hinterhergelaufen, sagen aber nichts. Die Leute hier sprechen nicht gut Chinesisch, es ist nicht ihre Muttersprache. Ein Mann, den ich unterwegs nach dem Namen der Ortschaft frage, versteht mich immerhin ganz gut. Zhongpizang. Hoffentlich habe ich den Namen nun auch richtig in Pinyin umgewandelt! Zwei auffällig verschiedene Bauweisen prägen das Dorfbild: Gelbe Lehm-Häuser mit Reetdach und rote Backsteinhäuser mit Flachdach, vermutlich Ausdruck zweier verschiedener Ethnien im selben Dorf.
Auf dem Rückweg komme ich auf den letzten Metern dann doch noch vom Weg ab. Ich merke es am Dach des Busbahnhofes über mir. Das hätte eigentlich vor mir auftauchen müssen. Ich habe das Fieber noch in den Gliedern und fühle mich, wohl auch wegen der plötzlichen Sonne, so matt und kraftlos wie ein Fußball im Dornengestrüpp. Nach Umkehren ist mir gar nicht zumute. Ich balanciere über eine schmale Mauer, die einen kleinen Abhang überquert und gelange zum unteren Rand eines Maisfelds, durch das ich mich nun nach oben schleppe. Völlig erledigt komme ich auf dem Parkplatz an. Eine endlos lange Pause auf den Stufen am Bahnhof (nach Erwerb der Fahrkarte für 18.30 Uhr) macht schon die Bauarbeiter über mir nervös. Ich habe  keinerlei Kraft und Motivation mehr für einen weiteren Reisterrassenversuch, obwohl jetzt Sonnenschein herrscht und ich gute Karten habe. Ich werde mich später noch ärgern über meine Lethargie, aber momentan ist nichts zu wollen.
Ich schleppe mich zurück in die Stadt. Auf dem großen Platz muss ich schon wieder Pause machen, aber jetzt sehe ich, was für einen fantastischen Talblick man von hier hat. Ich bekomme fast einen Sonnenbrand, nach nur zehn Minuten. In dieser Höhe ist man der Sonne eben näher. Auch von meiner Herberge aus habe ich einen großartigen Talblick. Als ich mich verabschiede und mein Gepäck hole, deckt Chen mich mit Früchten ein. Ich gebe ihm ein Heftchen mit frommen Sprüchen. Ein Student aus Kunming spricht mich auf Englisch an, als ich schon wieder auf dem großen Platz pausiere. Dann die Rückfahrt. Im Schlafbus bin ich diesmal mit zwei Schweizerinnen und einem US-Pärchen in bester Touri-Gesellschaft. Ich rede aber nicht mit ihnen. Eine ewig lange Pause auf der Strecke ins Tal dient zum Buswaschen und dazu, meine Geduld auf die Probe zu stellen. Ich kann gleich zweimal auf Klo gehen. Schöne Aussicht: Dem Trocken-Klo fehlen Teile von Decke und Wand. Schließlich setzt die Dämmerung ein. In Nansha gibt es dann mitten in der Nacht noch einen Zwischenfall mit einem Restaurantbetreiber, in dessen Laden der Busfahrer und seine Leute essen. Ich erahne die nächste Geduldsprobe in dem stickigen Bus und denke: Da kannst du doch sicher deine Abendtoilette erledigen. Die Frau des Hauses hat auch schon zuvorkommend ihre Schüsseln aus der Abwäsche geholt. Da kommt der Typ im gerippten Unterhemd und will mich nun schlechterdings nicht Zähne putzen lassen. Ich bin physisch, psychisch und moralisch bekanntlich nicht in Bestform, kurzum, ich bin uneinsichtig. Der will doch nur den starken Mann markieren. Ich frage provokant, ob er einen Yuan wolle für sein Waschbecken oder was los sei. Will er nicht. Ich sage: "Ist kein Problem!" und putze betoooont gründlich Zähne. Die zeige ich ihm dann nett grinsend und bedanke mich. Man muss ja immer freundlich bleiben.

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