Reise in den Regen VI: Dianchi
Die Ankunft in Kunming gegen vier lässt sich verschmerzen, denn zum Glück dürfen alle Passagiere noch im stehenden Bus liegen bleiben. Vorher habe ich auch kaum ein Auge zugetan. Um sieben wird es langsam leer in der Kutsche. Auch ich mache mich auf. Ziemliche Halsschmerzen plagen mich nach der lausigen Nacht im heißen Schlafbus. In der Tasche des Pseudo-Regenmantels, der mir als Ersatzdecke diente, gibt es zum Glück noch blaue Mentos aus Xinjies Supermarkt, extra stark.
Ich lasse das Gepäck im Busbahnhof und nehme Bus 44 zum Dianchi im Süden von Kunming. Die Fahrt dauert 40 Minuten. Gut, dass ich am 3. Juli "David" getroffen habe. Hinweis für Kunming-Reisende: Der berühmte Minoritäten-Park (in den mich vor fast genau fünf Jahren eine chinesische Reisebekanntschaft eingeladen hat) befindet sich eine Station vor der Endstation der Linie 44 direkt vor dem Eingang zum See-Park. Ich gebe mir neunzig Minuten für den kleinen Ausflug zum Dian-See (wörtlich übersetzt Dian-"Teich", ist aber ein großer Teich), denn um elf geht mein Zug. Morgens um acht ist an dem malerischen Seeufer mit der tollen Aussicht noch nicht viel los. Es ist mild, Regen liegt in der Luft. Der Himmel ist bedeckt. Und das Wasser? Das wirft die wenig schmeichelhafte Frage auf: Was haben die Reisfelder von Yunnan mit dem Dian-See gemeinsam? Antwort: die hellgrüne Färbung. Der See ist total eutroph.
Vor mir liegt Wasser bis zum Horizont, links und rechts sind die Ufer der Bucht zu erkennen. Besonders schön ist der Blick auf die im oberen Drittel wolkenverhangenen Westberge. Ich wandere in Richtung Westen am Seeufer entlang und komme zu einer Seilbahnstation. Mit den Augen folge ich der Seilbahn, die zu dem Tempel oben in den Westbergen führt, den ich leider nicht mehr besuchen kann. Ich verlasse den Park und überquere noch einen Autodamm, im Süden der grüne See, der hier riecht wie pures Ammoniak, im Norden der Minderheiten-Park, der an das Wasser grenzt. Arbeiter, auf kleinen Booten oder in Schutzanzügen im Wasser stehend, sind mit Reinigungsaktionen beschäftigt und treiben Algen zusammen. Es ist zehn vor neun. Ich muss den Rückweg antreten. Am Eingang zum Park zeige ich meine Eintrittskarte (20 Yuan) hoch, als die Dame im Wärterhäuschen mir hinterherschreit, und bin ausnahmsweise sehr pünktlich wieder zurück.
Ich kann sogar noch im Busbahnhof Zähne putzen und auf den wenigen Metern zum Bahnhof noch ein paar Fangbianmians (Instant-Nudelsuppen) für die Zweitagesreise kaufen. Im Zug gibt es statt eines Kindergartens diesmal eine Mädchentruppe samt (männlicher) Lehrkraft. Alle stammen aus einem Institut für Technologie in Yancheng bei Nanjng, wie ich im Lauf der nächsten 48 Stunden erfahren werde. Die Mädels sind nicht ganz so nervig wie der Kindergarten und für alle Fälle habe ich ja meine Ohrstöpsel, die selbst gedrehten. Aus feuchtem Klopapier. Die schützen, wirken und drücken.