Die Not mit den Noten
Ein Mann kommt fünf Minuten zu spät zum Bahnhof, der Zug ist weg. Reaktion: Er stellt seine Uhr fünf Minuten zurück. Jetzt kann er ja wohl den Zug bekommen, oder? Das ist meine Meinung zum Thema Noten. Ich bin die Uhr, die Leistung der Studenten die Uhrzeit, der Zug die Wirklichkeit und das Zurückdrehen die Lüge, die gar nichts bringt. Aber ich habe es ja kommen sehen, dass das wieder Stress gibt mit meinen Noten. Die armen Studenten, die kriegen ja einen Schock, wenn sie nur 88 Prozent statt 92 bekommen, wird mir deutlich gemacht. Kurzum, ich muss doch tatsächlich auf Befehl von oben meine Noten ändern. Dabei geben meine geschätzten Kolleginnen und Kollegen unumwunden zu, dass die Notenvergabe allgemein in China keine Angelegenheit der Wahrheit und nichts als der Wahrheit ist. Es ist wie mit Dumping-Preisen, die den Markt verderben. Man sagt mir also: "Die Studenten haben bei der Arbeitssuche keine Chance zu erklären, warum sie im Verhältnis zu anderen Studenten so schlechte Noten haben. Denn bei der Bewerbung schaut man sich eben nur die Noten an." Es bleibe kein Raum für Erklärungen wie: "Wir hatten aber einen Deutschen als Lehrer, der benotet wie eine Schweizer Uhr."
Durch eine stärkere Gewichtung der Abschlussprüfung und fünf geschenkte Punkte für die Teilnehmer des Lektürekurses (den ich zur Einführung in den Journalismus aufgemöbelt habe) gelangen schließlich sogar meine Noten noch in den Toleranzbereich. Doch die Arithmetik macht's möglich: Jetzt haben wir zwei Durchgefallene (mit schlechten Prüfungen) mehr. Einen können wir aber noch retten, indem wir die bessere seiner zwei Prüfungen mit 60 statt 50 Prozent werten. Noch Fragen?