China's Next Super Brain
Eigentlich sollte Nora Bossong, die junge Autorin von Webers Protokoll, die für drei Wochen zu Gast an der Uni ist, heute mit auf den Ausflug zum Sun Yat-sen-Mausoleum und dem benachbarten Ming-Grab. Aber ich halte am Treffpunkt vergeblich Ausschau nach ihr. Der Ausflug ist nichts Neues für mich. Die Uni stiftet mal wieder einen Bus und einen Reiseführer und den Eintritt für die Touristen-Hochburgen müssen wir, die ausländischen Lehrkräfte auch nicht entrichten.
Ich muss schmunzeln, als der Reiseführer im Bus das Wetter in Nanjing erklärt und sagt, dass dieser Sommer nicht so heiß ausgefallen sei wie normalerweise. „I don't know why“, sagt er. Er kann nicht ahnen, dass in der internationalen Gemeinde im Juni das gemeinschaftliche Gebet für einen kühlen Sommer ausgerufen wurde („God will give us a cool summer, this year!“) und auch nicht, dass ich mich damals bei dem Gedanken ertappte: „Ja, ja, kühler Sommer, träum weiter, Bruder...“ Zwei Dinge sind aber doch neu heute: Ich stoße diesmal wirklich bis zur Grabstätte des legendären ersten Ming-Kaisers Hong Wu vor, der als Anführer eines Bauernaufstands die Yuan-Dynastie (Mongolen) ablöste, Nanjing zur Hauptstadt Chinas machte und die Epoche der langlebigen Ming-Dynastie (1368-1644) begründete. In Nanjing wollte er auch begraben sein und ließ sich hier daher sein Grab schaufeln, mehr als 15 Jahre vor seinem Tod im Jahre 1398.
Im April, bei meinem letzten Besuch hier, stand ich noch vor einer Baustelle. Neu sind auch die meisten Teilnehmer an diesem Ausflug: Ich lerne den Amerikaner Trevor und drei Franzosen kennen. Trevor scheint irgendwie auch christlich beschlagen zu sein. Sein Vater war Theologie-Lehrer oder so was. Das war sicher noch nicht mein letztes Gespräch mit ihm. Am meisten anfangen kann ich mit Alain Dautricourt, der auch schon um die halbe Welt gekommen ist und zuletzt in Kanada und den USA als Französisch-Lehrer beschäftigt war. Von den beiden anderen Franzosen kommt nur einer zu Wort, der zu der Kategorie Menschen gehört, die es nicht ertragen, wenn sie länger als eine Minute aus einem Gespräch ausgeklinkt sind. Er gibt sich als nicht praktizierender Buddhist zu erkennen und hat auch ein paar Verschwörungstheorien auf Lager, von denen ich aber nicht viel verstanden habe, weil ich mich zwischenzeitlich auch ausgeklinkt habe, gedanklich.
Beim Abstieg vom Mausoleumshügel treffe ich Chinas Next Super Brain: Ein etwas wirrköpfig wirkender Chinese besteht darauf, mir seine achtjährige Tochter vorzustellen, die mich bereits vorher in fast akzentfreiem Englisch angesprochen hat. Dann soll ich mir eine Mathe-Aufgabe ausdenken. Ich sage: „33 plus...“ Da unterbricht mich der Papi und diktiert eine dreistellige Additionsaufgabe mit drei Summanden. Sogleich tickt Chinas Next Super Brain, Papi reicht ihr ein Stück Papier und die Zahl die Chinas Next Super Brain aufschreibt, ist, wie nicht anders zu erwarten war, die gleiche wie auf der Anzeige des Taschenrechners, auf den Chinas Next Super Brain keinen Blick werfen konnte. Ich gratuliere Chinas Next Super Brain und ihrem Manager und muss mich verabschieden, denn unten am Eingang des Mausoleums gibt es das gemeinsame Mittagessen. Neben mir sitzt Alain. Ich kann also weiter Französisch üben.
Dann seile ich mich ab, weil ich am Nachmittag in Michaels neues Heim eingeladen bin. Natürlich ist das großer Unsinn. Ich hätte ja mit dem Reisebus zurückfahren können. Denn die nächste Station ist die Stadtmauer und nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Aber warum einfach, wenn's auch kompliziert geht? Nicht zum ersten Mal überschätze ich mein Orientierungsvermögen und finde erst nicht zur Bushaltestelle. Dann steige ich in Nummer 3, die nach Norden in Richtung Bahnhof fährt. Ich steige viel zu weit nördlich aus, weil ich ja die Busstrecke nicht kenne, und muss eine halbe Stunde in sengender Sonne zu Fuß gehen, um zum Bahnhof zu kommen. Dort stehe ich noch mal eine halbe Stunde am Fahrkartenautomaten, weil heute großer Reisetag ist: Viele Studenten kommen aus dem Urlaub zurück. Die Schlange neben mir löst sich auf, weil der Automat den Geist aufgegeben hat. Und ich bin ehrlich erstaunt, dass das nicht der Automat ist, vor dem ich (gefühlt) seit Stunden anstehe. Ich warte sekündlich darauf, dass auch hier „Out of service“ aufblinkt. Aber es passiert nichts. Ich muss mir das merken für die nächste Situation, in der ich mir einrede, dass alles Dinge des Universums sich gegen mich verschworen haben, nur um mich zu ärgern.

Ich hatte mich bei Michael angemeldet für halb vier. Um 17.20 Uhr bin ich da. Hinter mir liegt der erfolglose Versuch, ein Taxi zu finden. Das Taxi, das schließlich anhielt, konnte mit Michaels Wegbeschreibung nichts anfangen. Ich stelle mal wieder fest: Taxis und ich – das ist einfach eine Mischung, die nicht stimmt. Hinter mir liegt auch eine Fahrt in der Motor-Rikscha, damit ich den Weg von der U-Bahn-Station bis zu Bus Nummer 55/Haltestelle Konfuzius-Tempel auch wirklich finde, den Michael in seiner Wegbeschreibung empfohlen hat. Der Rikschafahrer sieht aus wie blind, kneift seine Augen zusammen zu einem Schlitz, nicht breiter als eine 1-Yuan-Münze, aber er lädt mich am rechten Ort aus. Ich bekomme sogar einen Sitzplatz und muss auf der einstündigen Überfahrt frieren, weil ich direkt unter der Klimaanlage sitze. Beim Ausstieg treffe ich schließlich zwei Damen mit einer Blume, die mich erinnert an die fleischfressende Riesenpflanze aus „Das magische Auge“. Ich frage forsch, ob sie zufällig auch unterwegs seien zu Michaels Party. Eine von beiden versteht mich sogar. Dann gehen wir einmal orientierungslos um den Block mit der Wohnung und schließlich finde ich den richtigen Eingang.
Bei Michael gibt es jede Menge leckeren Kuchen (er verdient ja mit Bäckereien und Leckereien seinen Lebensunterhalt). Die neu bezogene Wohnung ist voll mit Fotos der Hochzeit, die vor ein paar Wochen stattfand und kleinen Gemälden von Michaels neuer Gemahlin, einer Künstlerin, die übrigens fast dreißig Jahre jünger ist als ihr frisch Angetrauter. Michael reicht mir sein Fotoalbum. Seine siebzigjährige Lebensgeschichte versucht Michael gerade in selbst verfassten Memoiren aufzuarbeiten: geboren eine Woche vor Ausbruch des 2. Weltkriegs in Sheffield; von den Leuten auf den meisten Bildern nur noch er am Leben; seine erste Frau Jennifer, die 2003 nicht dazu zu bewegen war, ihrem Mann nach China zu folgen. Ein Seitensprung in ihrer Abwesenheit. Die Scheidung. Michael überließ Jennifer fast seine gesamte Habe. Er schreibt ihr noch heute, bekommt aber nie eine Antwort. Dann die Hochzeit mit der Chinesin Lin oder Ling, die im März dieses Jahres geschieden wurde. Er konnte kein Chinesisch, sie kein Englisch. Ich kann Michael trotzdem ein bisschen verstehen: Dass sein Leben drüben auf der britischen Insel so bunt und abwechslungsreich wäre wie hier, wird wohl niemand ernsthaft behaupten wollen. Vielleicht wäre er auch schon aus Langeweile gestorben. Auf dem kalorienreichen Fest treffe ich u.a. auch Peter, meinen Tennis-Partner, der kürzlich wegen eines Lochs in der Straße verunglückt ist, und Sophia, eine 77-Jährige mit sehr gutem Englisch, die die zehn Kilometer bis zum Zielort auf dem Fahrrad zurückgelegt hat und auch sonst gut beisammen ist. Ansonsten nervt die ältere der beiden Damen aus Bus Nr. 55, die ständig mit doppelter Lautstärke spricht und ständig andere Leute unterbricht. Trotzdem ist sie es, die mich, zusammen mit ihrer Begleiterin, auf dem Rückweg unterhält und auch dafür sorgt, dass ich am Konfuzius-Tempel in den richtigen Bus (Nr. 95) steige. Nora Bossang hat eine SMS geschickt (ich habe seit ein paar Tagen eine chinesische SIM-Karte) und entschuldigt sich mit einem falsch gestellten Wecker.