Bleibt alles anders
Frau Kong, die Vize-Dekanin des Fachbereichs Fremdsprachen, hat mich und meinen Ur-Vorgänger, den pensionierten Hamburger Gymnasialdirektor Weismann, zu einem Diner geladen. Zunächst sind wir bei Familie Kong zu Hause. Auch ihr Mann spricht Deutsch. Er studierte an der FU Berlin. Allerdings ist er einer von denen, die besser verstehen als sprechen können. Nicht nur, dass wir eingeladen sind, es gibt auch noch Geschenke in bunten Tüten. Das ist ja fast so schön wie die Kindergeburtstage früher! Während dort die Geschenke jedoch zumeist kaschierte Rausschmeißer waren, ist das für uns nur das Startsignal zum Aufbruch in das Restaurant drüben um die Ecke.
Danach trennen sich unsere Wege: Ich bin für Herrn Weismann Reiseführer beim Flanieren durch die hochmoderne und bunt schillernde Einkaufsmeile Hunan Lu, das Ehepaar Kong muss die Tochter vom Privat-Unterricht abholen. Der China-Rückkehrer mit dem weisen Namen, der vier Wochen lang den Lehrerkader verstärkt, war vor knapp dreißig Jahren in meiner heutigen Funktion nach Nanjing abgeordnet. Er erkennt nichts mehr wieder. Damals war der einzige Wolkenkratzer das Jingling-Hotel, das heute wirkt wie ein Farn im Fichtenwald. Nur in meiner Bibliothek, in die wir zum Schluss noch einen Blick werfen, regt sich noch der diskrete Muff der Achtziger.