Durch den Wind
Danyu ist völlig durch den Wind. Das liegt natürlich an ihrer englischen Internet-Liebe und der Tatsache, dass sie eine Aufnahmeprüfung an der Uni Nanjing machen will, aber eigentlich mit ihren Gedanken immer in Europa ist. Heute Abend überfällt sie mich mit dem Vorschlag eine christliche Gesprächsgruppe zu gründen, aber ich bin skeptisch, weil ich Zweifel habe, ob die Teilnehmer die Bibel zur Grundlage machen wollen. Allgemeines Gelaber über Gott bringt in meinen Augen nichts. Sie redet sich fest und dann stellt sie fest, dass ihre Tasche mit dem Schlüssel für zu Hause in der Bibliothek eingeschlossen wurde, weil es schon so spät ist.
An diesem Abend wird sie noch dreimal bei mir klingeln, zuletzt gegen Mitternacht, weil sie so ratlos ist, denn zu Hause könne sie niemand reinlassen. Ihre Mutter öffne nachts nicht und müsse ja davon ausgehen, dass ihre Tochter es nicht sein kann, die so spät um Einlass bittet. Schließlich habe sie ja einen Schlüssel. Danyu rennt zwischen Bibliothek, mir und ihrem Freund von der Uni hin und her wie ein kopfloses Huhn. Am Ende bittet sie mich, ihr Asyl für eine Nacht zu gewähren. Ein Stuhl sei genug. Das passt mir aber überhaupt nicht. Ich will ihr hundert Yuan für Taxi und Hotel leihen, ihr Geld ist ja auch eingeschlossen. Will sie nicht. Da habe sie Angst, sagt sie. Da kenne sie ja keiner. Das sei so anonym. Du meine Güte, denke ich, die macht mich wahnsinnig! Mit übermenschlicher Geduld palavere ich so lange mit ihr im Treppenhaus, bis ihre Mutter endlich auf dem Mobiltelefon zurückruft und sie nach Hause fahren kann. Ich denke: „Mensch, Mensch, Mensch!“ und denke das auch noch, als am nächsten Tag per E-Mail ihre wortreichen Erklärungsversuche und Entschuldigungen für die Panikattacke einlaufen.