Der Didus auf der heißen Blechwand
Da ich ja mittwochs keinen Unterricht habe, beschließe ich heute mal um den Xuanwu-See zu laufen. Sieht etwa so lang aus wie die Außenalster. Aber da es ja nun im Universum hin und wieder doch mal eine Verschwörung gegen mich gibt, ist der Park gerade, ausgerechnet und zufällig heute geperrt. Im Norden gesperrt, wo ich gegen eine Wand laufe, und im Süden, wo ich allerdings genervt durch eine Wand laufe. Da ist nämlich eine Tür in der blauen Blechbarriere. Die Pförtner können gar nicht so schnell reagieren, wie ich da durchlaufe. Sie winken, rufen, ich winke, rufe: "Hallo!" Das muss ich mir ja schließlich sonst auch ständig anhören, dieses "Hallo!" Dann höre ich noch hinter mir schreien: "Stop, stop!" und: "No!" Ich bin aber schon auf und davon. So flitze ich zunächst etwas desorientiert an der Baustelle vorbei, wo sich die Arbeiter schon nicht mehr über mich wundern - die sind am Debattieren und offensichtlich im Dissens über irgendwas -, und habe den Rest des Parks für mich allein. Hin und wieder am Rand mal eine Bepflanzungskolonne oder ein Bauarbeiter. Am Ausgang dann die erwartete nächste Blechwand, daneben wachen zwei Uniformierte. Die denken sicher, der bekloppte Ausländer merkt gleich, dass er in einer Sackgasse steckt, und kehrt um. Alles, was sie aber dann noch von mir hören werden, ist ein Klong-klong, mit dem von der Blechwand springe. Es war da so eine Art Trittleiter im Blech, drei waagerechte Stäbe... Man könnte das wahlweise kommentieren mit der Liedzeile: "Mit meinem Gott kann ich Wälle zerschlagen, mit meinem Gott über Mauern springen" oder mit der Textzeile: "Den running Didus in seinem Lauf hält weder Ochs' noch Esel auf!"
Es müssen doch mehr Kilometer sein als um die Alster, ich krieche nachher nur noch. Und ich muss ja auch einen Umweg nehmen, um nicht schließlich wieder vor der ersten Blechwand zu stehen. Dafür gibt es am Abend eine kräftige Stärkung, denn heute sind alle ausländischen Lehrkräfte zum Buffet geladen. Ich sitze mit Trevor, Nora, Kristina (meiner unmittelbaren Vorgängerin, die für einen Monat an ihre alte Wirkungsstätte zurückgekehrt ist) und unserem gemeinsamen Vorgänger, Ex-Direx Weismann, am Tisch und stelle fest, dass Trevor (fast) so viel essen kann wie ich. "Westler können so was", meint die Fachbereichsleiterin, Chinesen dagegen hätten nach der Uhr zu essen. Um die kümmern wir uns heute gar nicht und stürmen anschließend noch den Deutschen-Stammtisch am Nord-Campus. Nora verlangt nämlich nach Inspiration für ihren nächsten Roman. Trevor darf übrigens auch mit, schließlich war sein Ururgroßvater Deutscher. In einer Redepause von Trevor erzählt Nora, dass sie noch studiert und vielleicht auch noch promovieren will, weil ihr Vater das wichtig findet. Ich sage: "Wer auf Platz drei der SWR-Bestenliste gestanden hat, der braucht keinen Doktortitel mehr." Kurz vor 22 Uhr erinnere ich Herrn Weismann mahnend an die Skype-Verabredung mit seiner Frau daheim. Dankend macht er sich davon und vergisst prompt seine Tasche. Als er sich die später bei mir abholt, berichtet er nicht ohne Verdruss, dass an dem Abend das Internet tot gewesen sei. Nichts war's also mit dem nächtlichen Telefonat. Das ist doch fast so ärgerlich wie Bauarbeiten im Park.