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Freitag, 02. Oktober 2009

Didus auf Dienstreise oder: Auweia!
Von DM, 23:59

Heute düse ich nach Yanji. Zwischenstopp in Peking. Dort bleiben mir fünf Stunden Zeit (ich habe extra einen früheren Flug genommen), um am Hauptbahnhof eine Zugkarte für die Rückfahrt nächste Woche zu erwerben und so ganz nebenbei nach Spuren der gestrigen Jubelparty zu suchen. Die gibt es tatsächlich: Auf dem Platz des Himmlischen Friedens stehen die Karnevalswagen in Reih' und Glied, einer für jede Provinz. Man sieht Videoprojektionen auf den Schiffsrümpfen, Miniatur-Himmelstempel auf der Brücke oder eine Nachbildung der Tropenwelt von Hainan an Deck. Ehe ich die Ausstellungsstücke in Lebensgröße abschreiten kann, habe ich mich durch einen endlosen Menschenstrom hindurchzukämpfen. Beide U-Bahnstationen am Platz des Himmlischen Friedens sind gesperrt, an den Aus- und Eingängen gibt es Sicherheitsüberprüfungen, als könnten die Züge fliegen, und die halbe Welt strömt vom nächstgelegenen U-Bahnhof Xidan zum Platz der Plätze. Neu ist dort übrigens auch ein Sun-Yat-sen-Porträt, das exakt gegenüber von dem etwa 200 Meter entfernten berühmten Mao-Porträt am Eingang zur Verbotenen Stadt angebracht wurde. Sie sind die beiden Pole, die Eckpfeiler, des modernen China. Die Botschaft ist klar: Sun Yat-sen, der Republikgründer († 1925), ist genauso wichtig wie Mao und vor allem: viel unverfänglicher, weil unter ihm eben nicht Millionen Chinesen umgekommen sind.
Der Rückweg wird zur Exemplifikation des Begriffs Masse Mensch. Die wegen der Nachtbeleuchtung von Xidan her in Richtung Platz strömenden Massen werden von einer Polizistenkette zurückgehalten, die wirkt wie die Humanvariante  des Drei-Schluchten-Damms. Und ich bin nun also der, der stromaufwärts den Damm durchbrechen will. Das Unfassbare geschieht: Eine Schleuse für einen Plastikflaschen-Sammler tut sich auf. Die Polizei öffnet einen Durchgang und ich trete einfach in die Fußstapfen des Mannes vor mir, der sich durch die zwanzig, dreißig Meter lange Menschenwand drängt wie ein nervöses Elektron. Und ich komme mir vor, als sähe ich vor lauter Menschen die Masse nicht. Obwohl es kühl geworden ist, bin ich schweißnass. Die Zeit wird auch knapp. Ich haste zum Busbahnhof in Xidan. Nervös erkundige ich mich, wie lange in Anbetracht des Staus auf der Chengan-Allee wohl der Bus brauche, und bekomme die niederschmetternde Antwort: vielleicht neunzig Minuten. Dann hätte ich bis zum Abflug der einzigen Maschine nach Yanji noch zehn Minuten. Das kann ja heiter werden! Spontan entscheide ich mich via U-Bahn zur neuen Airport-Express-Linie vorzudringen, obwohl ich die nicht kenne. Doch unten in der U-Bahn: wieder die Masse Mensch! Der junge Schnösel am Eingang akzeptiert meine am Bahnhof erworbene U-Bahnkarte nicht, weil hier eine andere Linie verlaufe. Diskussion zwecklos. Ich schmeiße die wertlos gewordene Karte entnervt weg. Eine neue Karte zu kaufen würde vermutlich in Anbetracht der Menschenschlangen überall an den Automaten noch mal 20 Minuten kosten. In diesem Ameisenhaufen drehe ich gleich durch, der Zeiger ist kurz vor dem roten Bereich. Ich überspringe eine Reling, weil ich sonst wieder durch eine Damm-Mauer müsste; dabei bleibe ich mit dem linken Fuß hängen, rette mich aber ohne zu stürzen auf beide Beine, taumle, es gibt ein paar Ohs und Ahs. Nichts wie weg hier! Ich stehe wieder vor der Busfahrkartenverkaufsstelle. Der Bus soll um halb sieben abfahren. Jetzt ist es fünf vor halb. Ich kaufe die Karte. Als ich mich umdrehe, fährt der Bus gerade ab. Jetzt bin ich dem totalen Irrsinn nicht mehr fern. Ich nehme die Beine in die Hand und renne (mit Gepäck!) dem Bus hinterher, der gerade nach rechts auf die Chengan-Allee abgebogen ist. Ich rufe. Ich renne. Ich hole den Bus ein. Ich bin jetzt genauso schnell, wie der langsam beschleunigende Bus. Ich laufe neben dem Bus her und schlage auf das Blech. Der Bus hält an. Die Tür öffnet sich und schließt sich gleich wieder, weil ich mich zu ruckartig bewegt habe. Der Fahrer macht Zeichen, die ich nicht verstehe. Die Tür geht wieder auf. Ich steige ein.
Ich bin nach nur 35 Minuten am Flughafen, weil der Bus den Stau auf der Chengan-Allee umfahren hat. Ich komme am nagelneuen Terminal 3 an. Aber geht der Flug von hier ab? Den neuen Terminal gab es bei meinem letzten Aufenthalt in Peking vor den Olympischen Spielen noch nicht. Viele bleiben sitzen. Ich denke: Inlandsflüge in Kleinstädte gehen sicher vom alten Flughafen ab. Als ich an Terminal 1 + 2 ankomme, ernüchternde Neuigkeiten: Ich bin falsch, zurück zu Terminal 3. Die Tante am Schalter macht mir Mut: Ich müsse nun ein Taxi nehmen, weil es schon so spät sei. Sie will sagen: In fünfzig Minuten wird mein Flieger bereits über die Piste rollen. Aber ich und Taxis – das klappt doch nie, denke ich. Erst heute Mittag musste ich schon wieder 100 Yuan zum Nanjinger Flughafen zahlen, weil ich es angeblich sonst nicht mehr zeitig geschafft hätte. Und wo gibt es denn hier Taxis? Ich habe keine Zeit zum Suchen und steige einfach in den Shuttle-Bus, von dem mir die Tante an der Infothek abgeraten hat. Wahrscheinlich ist ihr Mann Taxifahrer. Der Bus, in dem ich von Afrikanern umzingelt bin, braucht tatsächlich nur zehn Minuten, die ich allerdings mitzähle, als wäre gerade eine neue Zeitrechnung eingeführt worden, der ich noch nicht traue. Als ich wieder am Terminal 3 ankomme, profitiere ich von dem glücklichen Umstand, dass ich meine Bordkarte schon in Nanjing empfangen habe. Allerdings steht darauf nichts über meinen Flugsteig. Das bekomme ich auch noch raus. Bei der Sicherheitsüberprüfung bleibe ich verhaltensunauffällig und darf durch. Ich gehe, als ich weiß, dass ich es geschafft habe, noch mal kurz aufs Klo und besteige als letzter Fahrgast sage und schreibe 23 Minuten vor Abflug die Maschine. Demnach hätte ich mir ja den Wettlauf mit dem Bus sparen können...
In Yanji bin ich dann das lebende Exempel für „Die Letzten werde die Ersten sein“ und steige am Flughafen als erster Fahrgast in eines der Taxis, die dort in Kolonnen auf den letzten Flug gewartet haben. Der sonst ganz nette Fahrer kassiert bei mir am Ziel zwanzig Yuan Zusatzgebühr ab, gegen die ich mich nicht wehren kann, weil ich kein Kleingeld habe. Ich und Taxis... Es ist spät, ich bin erledigt, ich bin endlich da. Ich schreite in kalter Luft über das Gelände meiner alten Uni. Ich übernachte bei meinem alten Kollegen Dana aus der English-Conversation-Abteilung auf dem Boden seines 20-Quadratmeter-Zimmers. Morgen mehr.

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