Mondfest
Heute drehe ich noch mal die alte Runde durch die Dörfer im Tal, meine alte Joggingstrecke. Es hat sich was verändert: Die Lagerhalle, an dessen bloßem Fundament ich so oft vorbeigelaufen bin, hat inzwischen Dach und Wände. Ein Wald ist futsch, da steht jetzt eine Kaserne. Aber die Obstbaumplantage ist noch da. Ein Landwirt reicht mir eine leckere Birne und versichert mir: Die ist reif! Es ist ganz schön kalt hier oben im Norden. Ich habe keine Jacke mitgenommen und trage in diesen Tagen zumeist mein gesamtes Gepäck am Leib. Am Abend hat der koreanische Professor Tsching eine Reihe von Alleinstehenden zu sich geladen. Dana ist dabei, Richard auch und ein paar junge Damen aus der Englisch-Abteilung. Die Frau von Herrn Tsching hat allem Anschein seit heute Morgen am Herd gestanden. Das Ergebnis ist eine bunte Palette von Köstlichkeiten. Anlass ist nicht etwa der heutige deutsche Nationalfeiertag, sondern das chinesisch und wohl auch Koreanern nicht fremde Mondfest. Traditionell isst man in China an diesem Tag Bohnenpaste-Kuchen, die sich im Magen anfühlen, als hätte man Teer geschluckt, der langsam hart wird, und die in feudalen, total überteuerten Geschenkverpackungen veräußert werden, gegen die das chinesische Propagandaministerium gerade eine Medienkampagne gestartet hat, weil der unnötige Verpackungsmüll die Umwelt belastet. Auf die Kalorienbomben können wir heute Abend dank Frau Tsching sowieso verzichten.