Schreck in der Abendstunde
Am Morgen im englischen Gottesdienst, der nach alter Tradition im fünften Stock des zweiten Lehrerwohnheims stattfindet, bin ich so etwas wie der zurückgekehrte verlorene Sohn. Allerdings sind nicht mehr viele da, die mich vermissen konnten. Fluktuation nennt man das. Einer, der mich noch kennt, ist der Physiker Dr. Gross aus dem Schwabenländle. Nachmittags spaziere ich mit ihm übers Land. Wir stoßen auf eine breite Trasse für eine neue Straße und fragen uns, was für eine Autobahn das mal werden soll hier mitten in der Walachei. Als wir zurück sind, dämmert es schon.
Dann macht es BUMM und wir werden leicht nach vorne geschleudert. Was parkt der Wagen vor uns auch auf einmal mitten auf der Straße? Der Besitzer eines nagelneuen Kraftfahrzeugs, der uns zum Bibelkreis unten in der Stadt bringen sollte, ein Chinese, der an der YUST Obst verkauft und gelegentlich Fahrdienste anbietet, ist ihm hinten drauf gefahren. Wir alle, die wir hinten mit drin sitzen, Helmut, Dana, Elisabeth und ich, haben das Unheil kommen sehen, aber wir haben ja keine Bremsen unter den Füßen. Jetzt stehen wir im Dunkeln neben der Straße, die Motorhaube ist zerknautscht und neben uns bildet sich eine Öllache. Zum Lachen ist indes jetzt niemandem zumute. Unser Fahrer blickt tapfer drein. Er hat wahrscheinlich sein halbes Leben investiert, um sich den Traum des neuen China erfüllen zu können: ein nagelneues Auto, silber-metallic. Jetzt hat der Traum eine eklige Delle und wir müssen mit dem Taxi weiter. Die Englisch-Lehrerin Gloria hat eingeladen. Die zierliche, aber ungemein dynamische und lebhafte junge Frau hat ihren Mann auf den Philippinen zurückgelassen und ist jetzt im Auftrag des Herrn in Yanji tätig. Sie unterweist Studenten in Englisch und vermittelt nebenbei Grundkenntnisse in Religion; das großzügig geschnittene Wohnzimmer, in dem wir sitzen und uns von Glorias philippinischen Spezialitäten verwöhnen lassen, dient tagsüber als Unterrichtsraum. Zwei junge Inder sind anfangs beim Essen und auch beim Singen mit dabei, eine Medizinstudentin aus Kenia vervollständigt die bunte Runde. Den Indern gefällt „Slumdog-Millionär“. Ich habe sie natürlich sofort auf den diesjährigen Oscar-Abräumer angesprochen. Beim Gebet nehmen sie dann aber beide Reißaus; so weit sind sie noch nicht. Zum Schluss gibt es noch eine Torte, denn Glorias Gatte hat heute Geburtstag. Da ist er zwar nicht. Aber dafür sind wir ja da.