Gipfelsturm
Und nun muss ich auch schon wieder abreisen. Ich nehme den Zug um 12.35 Uhr, der am nächsten Tag um halb 12 in Peking sein wird. Die schlechte Nachricht: Wegen des Feiertagsreiseverkehrs habe ich keine Schlafwagenkarte mehr bekommen. 23 Stunden sitzen! Weil das eine Tortur wird, gehe ich vormittags zum Abschluss noch einmal auf den Maoershan, den kuppelförmigen Berg vor der Stadt, der sich ebenfalls beträchtlich weiterentwickelt hat. Die matschige Wanderpiste von einst wurde durch feste Holzstege ersetzt und ich bin von Touristen umgeben. Wo früher zwei, drei Ausflügler sich tummelten, sind es heute zwanzig oder dreißig. Ich steige also die Stufen hinan und auf dem Gipfel ist auch alles anders. Da oben wurde nämlich ein Aussichtsturm im Stile des Ketelvierth-Aussichtsturms errichtet, nur größer, versteht sich. Das macht die Aussicht allerdings entsprechend besser. Von hier oben kann ich nun sogar die Universität sehen. Beim Abstieg wollte ich eigentlich meine Gedanken etwas schweifen lassen, aber ein kahlköpfiger Chinese zwingt mir ein Gespräch auf, will mal wieder gleich wissen, wo meine Familie sei und so weiter. Ich erkläre zum 100.000sten Mal, dass ich das mit dem Verheiratetsein nicht so praktisch finde und überhaupt, was soll das? - und werde zum 100.000sten Mal nicht verstanden. Der drahtige Glatzkopf fragt weiter, ob ich wohl homophile Neigungen hätte. Ich verneine, aber ich bin inzwischen nicht mehr ganz sicher, was er selbst für einer ist. Wo sind eigentlich seine Frau und sein Kind? Da kommt auch schon Bus Nr. 48 und erlöst mich. Ich frage nach dem kürzesten Weg zum Bahnhof, muss dann einmal umsteigen, werde nervös, weil der Bus, in den ich gestiegen bin, im Schneckentempo fährt, am Ende reicht die Zeit aber doch noch für ein paar Einkäufe für die lange Zugreise. Direkt vor einem der Läden am Bahnhofsplatz erkennt mich dann ein älterer dürrer Mann als ehemaligen YUST-Lehrer wieder, an den ich mich nun überhaupt gar nicht und nicht die Bohne erinnern kann, was mich irgendwie nervös macht. Ich esse auf den Stufen noch eine Mandarine oder auch zwei. Dann geht es hinein ins Abteil zur 23-Stunden-Sitzfleisch-Übung.