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Freitag, 16. Oktober 2009

Völkerverständigung mit kleinen Fehlern
Von DM, 23:59

Heute treffe ich mich mit Constanza aus Buenos Aires. Ich hole sie vom Uni-Bus ab, zeige ihr meine Bibliothek und gehe mit ihr Xiaolongbao essen, das sind chinesische Riesenravioli mit Suppe zwischen Fleischfüllung und Teig, die rausspritzt und die Hose einsaut, wenn man falsch reinbeißt. Constanza, die heute eine langweilige Spangensteckfrisur hat, erzählt von ihrem Vater, einem Wäsche-Macho, der nur seine eigene Wäsche wäscht und nie die von anderen, von ihrem Jahr als Lehrerin in Japan, von ihrer Reise nach China, auf der sie nach Nanjing kam, und sich überlegte: Hier müsste man auch mal ein Jahr hin. Sie erzählt weiter, dass dann ohne weiteres Zutun plötzlich dieses Angebot an ihrem Institut ankam, für ein Jahr in der Spanisch-Abteilung der Uni Nanjing Geschichte zu unterrichten – der Mensch denkt, Gott lenkt. Nach dem Essen führe ich sie auf den wunderbaren Campus der Nachbaruniversität, der so genannten Nanjing Normal University, wo es einen Ententeich ohne Enten gibt. Eine Frauentruppe, wahrscheinlich ein Ehemaligentreffen, lässt sich von uns ablichten, d.h., mit dem von mir gemachten Foto waren sie nicht so zufrieden, also musste Constanza ran. Ich lichte dafür Constanza vor einigen altehrwürdigen Uni-Gebäuden ab. Mit meinem Spanisch bin ich trotz einiger Mängel im Wortschatz ganz zufrieden und hoffe Constanza, die sich schließlich bei mir noch wie abgesprochen Pans Labyrinth und Zerrissene Umarmungen ausleiht, hat bald wieder Zeit. Irgendwie nervt es aber auch, dass ich Spanisch immer noch besser (vor allem verstehen) kann als Chinesisch. In spanischsprachigen Ländern war ich insgesamt vier Monate, in China über 40 Monate. Ich müsste also eigentlich zehnmal so gut Chinesisch können wie Spanisch.
Am Abend dann die große Pleite: Das von mir initiierte Treffen zwischen chinesischen Deutsch-Studenten und deutschen Chinesisch-Lernern muss fast ohne Deutsche auskommen. Irgendwie muss ich die Sache vergeigt haben. Letztes Jahr kamen die Deutschen in Scharen und wie von allein. Diesmal hat das Versenden einer E-Mail an alle Deutschen, deren Adressen mir vorlagen, und das Hoffen auf Mundpropaganda offensichtlich nicht die erhoffte Wirkung erzielt. Nur zwei Deutsche kommen und eine von ihnen ist Polin. Reihenweise ziehen enttäuschte Studenten ab, der Jahrgang 08 vertreibt sich mit ein paar Spielen den Frust und zwei Stunden später sind nur noch ein paar Schach-Könige übrig. Im Nebenraum vertilge ich Pizza und Pommes und meine Studentinnen des Jahrgangs 07 nutzen die Gelegenheit um zu fragen, was sie schon immer über ihren Lehrer wissen wollten, aber sich bisher nicht zu fragen trauten: warum ich nicht verheiratet bin, ob ich in Deutschland eine Freundin habe, die auf mich wartet, und warum ich immer mit denselben langweiligen Klamotten herumlaufe. Sie wissen, wie viele Paar Schuhe und wie viele Hosen ich besitze. Sogar ein fehlender Knopf auf einem meiner Hemden ist ihnen aufgefallen. Bei Lehrern komme es doch auf den Inhalt an, wehre ich mich, nicht auf die Verpackung. Aber langweilige Verpackung sei demotivierend, werde ich ausgekontert. Zum Glück setzt sich Zhiyu vom Jahrgang 08 zu mir. Er trägt immer dasselbe Adidashemd (er hat zwei davon, also ist es nur das gleiche Adidashemd) und wir einigen uns darauf, dass Frauen derart pragmatische und von der Vernunft gesteuerte Verhaltensweisen einfach nicht verstehen können. Besonders überrascht bin ich von Eva, der Frau, deren Koffer ich unlängst zerstört habe. Sonst schweigsam wie eine versiegte Quelle sprudelt sie heute wie ein Wasserfall. Conny, die im Sommer mit Eva in Heidelberg war, weiß das zu erklären: Eva habe kürzlich zum ersten Mal in ihrem Leben Bier getrunken. "Na", sage ich, "die Wirkung hält aber lange an!"
Obwohl die Stimmung doch ganz gut war, gehe ich ziemlich verdrossen nach Hause, weil das Ziel dieser Zusammenkunft verfehlt wurde. Denn das Ziel war ja nicht, mir Löcher in den Bauch zu fragen.

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