Heiraten für Anfänger
Die nächsthöhere Stufe wäre dann Spießrutenlaufen, denn nur Spießrutenlaufen ist noch schlimmer als eine Hochzeit in China (aus Sicht des Bräutigams). Der Ehemann der Vizedekanin hat seine Frau und mich freundlicherweise in dem Party-Restaurant abgesetzt. Er selbst nimmt nicht teil, weil es sich ja nicht um seinen Kollegen handelt, der da heiratet. In Deutschland ziemlich unvorstellbar. Im Saal dominieren weiß, rosa und andere Bonbonfarben das Bild. Links und rechts der Bühne laufen Filmausschnitte über das traute Paar, dazu Musik. Das Mikrofon des Conférenciers, des Mannes in Weiß, ist genau so laut, dass es gerade nicht mehr erträglich ist und man sich am liebsten fortwährend die Ohren zuhalten möchte. Das traute Paar marschiert ein wie Gladiatoren in die Kampfarena. Vorher muss der Bräutigam, ein junger Kollege, aber erst noch beweisen, dass er Spaß versteht und auch bei „China sucht den Superstar“ gut im Rennen läge: Er muss über einen leuchtenden Laufsteg aus Glas und singen, als gelte es nicht das Herz seiner Braut, sondern den ersten Platz bei besagter Fernsehshow zu erobern. Hinzu kommen im Laufe des Abends noch eine Reihe von Geschicklichkeitsprüfungen, bei denen ich wahrscheinlich überall durchgefallen wäre. Die Braut hat es auch nicht leichter: Im Laufe des Abends muss sie sich in drei verschiedenen Hochzeitskleidern präsentieren.
Dann sind die Gäste an der Reihe: Freiwillig dürfen die an einer Modenschau-Imitation mitmachen. Einer Dame mit beträchtlicher Leibesfülle und noch beträchtlicherem Charme fliegen die Herzen der gut gelaunten Gäste nur so zu, die gertenschlanke Bald-Ehefrau eines Kollegen, die meiner Ansicht nach ja die buchstäblich bessere Figur gemacht hat, schafft es in diesem Kopf-an-Kopf-Rennen nur auf Platz zwei. Abgestimmt wird wie einst bei Wetten dass..? durch Gejohle und Applaus. Für Kinder gibt es Plüschtiere zu gewinnen, die zweimal so groß sind wie sie selbst und wem das noch nicht genügt, für den gibt es ein Zwanzig-Gänge-Menü. Zwischendurch das obligatorische Ganbei mit den Kollegen an den Nachbartischen. Wer nicht anstößt, stößt wenigstens ab und zu auf, zum Beispiel ich mit meiner notorischen Cola im Glas, über die ein weinseliger Kollege schon wieder die Nase rümpft. Und nach drei Stunden ist der Spaß dann auch schon wieder aus und die Gäste gehen nach Haus.