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Samstag, 17. Oktober 2009

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn
Von DM, 23:59

Peter, mein Tennispartner hat eine internationale Wandertruppe zusammengestellt und bestellt mich für ein Uhr zum Pipa-See am Fuße des Purpur-Bergs. Mit Bus Nr. 6 soll ich da gut hinkommen können. Aber ich renne erst mal in die falsche Richtung und lande in einem verlassenen Resort, das schon bessere Tage gesehen zu haben scheint. Dann finde ich den Durchlass durch die Mauer, von dem Peter schrieb, doch noch. Aber es ist schon fünf nach eins. Ich wandere erst mal auf Verdacht los und denke, dass ich auf so eine Horde westlicher Jugendlicher schon aufmerksam werde, wenn sie mir über den Weg läuft. Und dass ich sie im Anbetracht meines beträchtlichen Wandertempos irgendwann überholen müsste, falls sie schon vor mir sind, scheint mir so klar wie Kloßbrühe. Schließlich sind in der Gruppe auch Mädchen... Spätestens auf dem Gipfel würde ich sie ja treffen, so meine Logik, denn der ist ja das offenkundige Ziel des heutigen Wandertages. Ich wandere also querfeldein, springe mal wieder über Zäune und Absperrungen, die mir im Weg sind und bin um drei auf dem Gipfel des Berges. Ich habe auch mal kurz Pause gemacht unterwegs, habe ich sie deshalb unterwegs nicht getroffen? Oder sind sie einfach auf anderen Pfaden unterwegs als ich. Eine halbe Stunde sehe ich mich auf dem Gipfel um und schaue mir bei klarer Sicht Nanjing von oben an, Aug in Auge mit dem neuen Zifeng-Turm, der übrigens genauso hoch ist wie der Purpur-Berg (448 Meter). Zwei Französinnen und noch ein paar Ausländer laufen mir auf dem wie immer viel bevölkerten Gipfel-Areal über den Weg und ich bin von jeder schwarzen Brille wie elektrisiert, da Peter so ein auffälliges Gestell trägt, aber vom echten Peter keine Spur. War ich wirklich so langsam? Ich wende mich etwas frustriert den Betonstufen zu und beginne den Abstieg. Gott hört auch keine Gebete mehr, denn ich hatte doch erbeten, dass er mir ein bisschen hilft, die Truppe zu finden. Ich bin keine Minute unterwegs nach unten, ein paar unbekannte Amerikaner haben mich gerade passiert, da blicke ich einem ungläubigen Peter ins Angesicht, der mich sofort stürmisch umarmt wie der Vater den verlorenen Sohn in Lukas 15. Er hatte natürlich nicht mehr mit mir gerechnet. Ich schließe mich der nicht gerade kleinen Gruppe an, die gleich drei Bens enthält, ich muss mir also nicht viele Namen merken. Ein Chinese namens Daniel fängt gleich auf dem Gipfel an Gottes Schöpfung zu preisen. Einer der Bens ins Anglo-Franzose. Er hat eine junge Studentin aus Guangzhou an seiner Seite, die sehr gutes Englisch spricht. Er selbst ist ein Abenteurer ersten Grades, hat sich vorher in Thailand und Indien herumgetrieben, soll eigentlich in Frankreich studieren, hat aber kurz vor Beginn des Semesters Reißaus genommen und nun ist er hier, unterrichtet Englisch, hat aber viel Stress und muss viel um Anerkennung kämpfen, weil er eben keinen Abschluss hat.
Ich bin heute also zweimal ganz oben, einmal allein, einmal als Gruppenwanderer. Wir kommen erst spät, bei Einbruch der Dunkelheit, ins Tal zurück und landen an einem anderen See, dem Zixia-See, in dem einige verwegene Chinesen sogar zu schwimmen wagen. Ben aus Frankreich holt in einem Park am See, der vorläufigen Endstation, seinen Frisbee heraus, der andere Ben spricht ein Dankgebet, dann ist es dunkel und auf einmal unglaublich kalt. Wir haben ja keinen Sommer mehr. Und ich war auf so einen langen Tag nicht vorbereitet. Frierend folge ich der Gruppe. Peter geleitet uns in ein Restaurant. In der Stadt, die gleich hinter der nächsten Ecke beginnt, ist es sogleich fünf Grad wärmer. Daniel und ich suchen ein Klo und müssen gleich noch mal fünf Minuten wandern gehen – bis zur nächsten Tankstelle. Wir essen Nudelsuppe und Xiaolongbao. Dann setzt Peter uns in die richtigen Busse. Ben aus Frankreich findet, ich bin ein cooler Typ, und ich solle mich mal melden. Seine Freundin aus Guangzhou, die im Bus neben mir sitzt, bittet mich sogar, sie mal an ihrer Uni zu besuchen. Na, daraus wird wohl nichts. Wandertag Ende.

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