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Samstag, 24. Oktober 2009

Auf dem Campus 'ne Menge los
Von DM, 23:59

Und noch eine Jubelparty. Die Universität feiert ein Doppeljubiläum: den 20. Jahrestag der Gründung des Deutsch-Chinesischen Instituts für Rechtswissenschaft sowie 25 Jahre Hochschulpartnerschaft zwischen den Universitäten Göttingen und Nanjing. Rot-gelbe englisch-chinesische Spruchbänder über der Campus-Hauptstraße künden von dem Großereignis.
Im altehrwürdigen Auditorium, in dem wir schon „Leonce und Lena“ beigewohnt haben, finden heute Vertragsverlängerungen und Ansprachen sowie eine Podiumsdiskussion statt. Hao Hui alias „Inge“ schwirrt auch schon wieder herum: Sie ist diesmal für die Ausgabe der Übersetzungsempfangsgeräte (sieht aus wie ein Weltempfänger, funkt aber nur auf einer Frequenz und auf der höre ich meine beiden Kollegen aus der weißen Box neben der Bühne, die an die Kabinen aus dem großen Preis erinnert, die immer hermetisch abgeriegelt wurden, bevor Wim Thoelke Umschlag 1, 2 oder 3 zückte) zuständig und händigt mir eins aus. Dann kommen die üblichen Ansprachen. Aber wer genau hinhört, der merkt, dass Ex-Botschafter Ma Canrong, der höchstrangige Gast auf chinesischer Seite, klare Anweisung aus der Parteizentrale haben dürfte, ein paar kritische Töne hinsichtlich der Querelen um den Auftritt von nicht regimetreuen Autoren auf der Frankfurter Buchmesse (Gastland: China) fallen zu lassen. Gleich zweimal wirft er in einer Podiumsdiskussion, die allerdings mit einer Diskussion nicht mehr Ähnlichkeit hat als die Erde mit dem Mond und eigentlich nur ein Ringvorlesung im Eiltempo ist, den Deutschen in der Runde (Generalkonsul von der Heyden, dem Göttinger Uni-Präsidenten Kurt von Figura, meiner Austauschdienst-Kollegin aus Guangzhou, die ich gestern noch kurz über den Campus geführt habe, und einem Wirtschaftsvertreter von BASF) den Fehdehandschuh hin und kritisiert die feindselige Berichterstattung über China in den deutschen Medien, die „ein großes Problem“ sei, das genannt werden müsse. Die deutschen Vertreter erweisen sich als brave Lämmer: Nach dem Motto: „Ich will ihn nicht, nimm du ihn!“ kommt nach dem zweiten Fehdehandschuhwurf lediglich noch eine diplomatisch verklausulierte Replik vom Generalkonsul, der verschwommen von der „Bereitschaft“ spricht, in diesem Bereich „auch andere Akzente“ zu setzen (bei der Beschäftigung der Journalisten mit China oder beim Umgang der Regierung mit den Medien?). Mehrfach fällt der Begriff Menschenrecht, immerhin ein Kernthema innerhalb des deutsch-chinesischen Rechtsstaatsdialoges, aber die Verbindung zum Menschenrecht Pressefreiheit bleibt ungenannt. Schließlich noch der Satz: „Natürlich können wir den deutschen Medien nicht vorschreiben, wie und worüber sie berichten“ (immerhin), aber „Rahmenbedingungen“ könnten sich ändern, wobei dann aber wieder nicht klar wird, ob chinesische Rahmenbedingungen gemeint sind oder – Gott bewahre! – deutsche. Man hätte ja, wenn der Ex-Botschafter Ma schon so klar auf die Buchmesse Bezug nimmt, immerhin auch mal diskret darauf aufmerksam machen können, dass es keine Idee der „deutschen Medien“ war, eine Sitzung mit regimekritischen Autoren platzen zu lassen. Darauf sind die chinesischen Vertreter ganz von allein gekommen.
Dann gibt es eine hochwertige musikalische Einlage von adrett gekleideten Chinesinnen und die Misstöne sind vergessen. Draußen vor der Tür des Auditoriums betreuen die Studenten des Abschlussjahrgangs einen Info-Stand. Ich begrüße sie kurz und nehme ein paar Bestechungsgeschenke in Empfang, ehe es zum feudalen Jubiläumsessen ins Nanyuan-Restaurant auf dem Campus geht, wo ich Studentin „Eva“ als Ordonnanz neben den vielen Köstlichkeiten stehen sehe. Ob für sie wohl auch etwas davon abfällt?
Am Nachmittag gibt es verschiedene Workshops. Frau Bogner von der Universität Göttingen diskutiert mit Professoren und Studenten über den neu eingerichteten Doppelmagisterstudiengang Interkulturelle Germanistik und gleichzeitig wird erkennbar, dass bei den deutschen Vertreterinnen, die bis auf eine Ausnahme etwas gefunden haben, was ihnen an diesem Samstagnachmittag wichtiger war als an einer Sitzung ihres Fachbereichs teilzunehmen, im Bereich des interkulturell angepassten Verhaltens noch Defizite zu beklagen sind. Man benötigt nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, was da vorgefallen ist: Die Studentinnen wurden wie üblich erst drei bis vier Tage vorher von der Zusammenkunft unterrichtet und haben sich ob des Termins am Samstagnachmittag gesagt: „Die Chinesen brauchen wohl noch etwas Nachhilfe, was die Bedeutung des Wochenendes für deutsche Studenten betrifft.“ Interkultureller geht es gar nicht mehr als in diesem Fallbeispiel: Wo chinesische Studenten nichts anderes als einen Pflichttermin wahrnehmen können und auch noch Aufgaben zugeteilt bekommen, tippen sich Deutsche nur verständnislos an die Stirn. Wenn interkulturelle Kommunikation funktionieren würde, dann wären die Deutschen zugegen und auch Institutsleiterin Yin hätte sich eigentlich nicht wundern dürfen: „Warum sind die Deutschen nicht hier? Die sollen doch teilnehmen!“ Die einzige Deutsche, die gekommen ist, entpuppt sich dann auch noch als Polin.
Anschließend gibt es auf der internen Lehrerkonferenz der Deutsch-Abteilung einen Disput zwischen zwei professoralen Lagern, dem ich nicht ganz folgen kann. Ich esse in der Zeit Mandarinen vom Buffet.
Am Abend laufe ich einer schwer atmenden Huang Hua über den Weg. „Herr Mehrens!“, ächzt sie. Sie trägt zusammen mit Liu Min eine schwere, schwere Kiste über den Campus; es handelt sich um die Lostrommel der Verlosaktion anlässlich des Jubiläums (Hauptgewinn: eine Woche Deutschland). Sie sei zu klein, klagt sie. Oder einfach zu schwach?, erwidere ich. Ich meine natürlich: zu geschwächt nach so einem arbeitsreichen Tag als Hilfskraft auf der Jubelparty, nehme den beiden die Kiste sofort ab und trage sie bis ans Ziel.

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